Hugo von Hofmannsthal

Hofmannsthal

IM GRUENEN ZU ZINGEN


Die Liebste sprach: 'Ich halt dich nicht,
Du hast mir nichts geschworn.
Die Menschen soll man halten nicht,
Sind nicht zur Treu geborn.

Zieh deine Straßen hin, mein Freund,
Beschau dir Land um Land,
In vielen Betten ruh dich aus,
Viel Frauen nimm bei der Hand.

Wo dir der Wein zu sauer ist,
Da trink du Malvasier,
Und wenn mein Mund dir sußer ist,
So komm nur wieder zu mir !'



Die Beiden

 
Sie trug den Becher in der Hand
- Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand,
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.
 
Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.



Lebenslied


Den Erben laß verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau ! 

Die Toten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten -
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen wert ! 

Er geht wie den kein Walten
Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod ! 

Ihm bietet jede Stelle
Geheimnisvoll die Schwelle;
Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin. 

Der Schwarm von wilden Bienen
Nimmt seine Seele mit;
Das Singen von Delphinen
Beflügelt seinen Schritt: 

Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Gebärden.
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag! 

Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau
Laß lächelnd ihn verschwenden
An Adler, Lamm und Pfau: 

Er lächelt der Gefährten. -
Die schwebend unbeschwerten
Abgründe und die Gärten
Des Lebens tragen ihn.



Mädchenlied


"Was rinnen dir die Tränen,
die Tränen stumm und heiß
durch deine feinen Finger,
die Finger fein und weiß ?

Mein Schleier ist zerrissen
und wehet doch kein Wind
und bin doch nirgends gangen
niemals, wo Dornen sind...

Die Glocken haben heute
so sonderbaren Klang,
Gott weiß, warum ich weine,
mir ist zum Sterben bang.



Zuweilen kommen niegeliebte Frauen


Zuweilen kommen niegeliebte Frauen 
Im Traum als kleine Mädchen uns entgegen 
Und sind unsäglich rührend anzuschauen, 
 
Als wären sie mit uns auf fernen Wegen 
Einmal an einem Abend lang gegangen, 
Indess die Wipfel athmend sich bewegen, 
 
Und Duft herunterfällt und Nacht und Bangen, 
Und längs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln, 
Im Abendschein die stummen Weiher prangen, 
 
Und, Speigel unsrer Sehnsucht, traumhaft funkeln, 
Und allen leisen Worten, allem Schweben 
Der Abendluft und erstem Sternefunkeln 
 
Die Seeen schwesterlich und tief erbeben 
Und traurig sind und voll Triumphgepränge 
Vor tiefer Ahnung, die das grosse Leben 
Begreift und seine Herrlichkeit und Strenge.



Weihnacht


Weihnachtsgeläute
Im nächtigen Wind...
Wer weiß, wo heute
Die Glocken sind,
Die Töne von damals sind ?

Die lebenden Töne
Verflogener Jahr'
Mit kindischer Schöne
Und duftendem Haar,
Mit tannenduftigem Haar,

Mit Lippen und Locken
Von Träumen schwer?...
Und wo kommen die Glocken
Von heute her,
Die wandernden heute her ?

Die kommenden Tage,
Die wehn da vorbei.
Wer hörts, ob Klage,
Ob lachender Mai,
Ob blühender, glühender Mai ?...


Hugo von Hofmannsthal

Hugo von Hofmannsthal  (1874-1929)


J.W. Goethe

Joseph Eichendorff

S. Grünwald - Zerkowitz

Heinrich Heine

Anna Ritter

J.G. Jacobi

Christian Morgenstern

R.M. Rilke

Hugo von Hofmannsthal
Wikipedia


Hugo von Hofmannsthal
Deutsch=>Nederlands



Homepage


Pageviews since/sinds 21-03-2002: 

© Gaston D'Haese: 14-01-2002.
Update 14-09-2017.