Anna Ritter - Liebesgedichte
Anna Ritter

Gustav Klimt (1862 - 1918)
Der Kuß


Blumenlese

Ich glaub', lieber Schatz, es war Sünde
Ein Stündchen lang
Und hab' so große Sehnsucht doch
Hab' dich so lieb gehabt
Im Lampenschein
Weihe
Das hat die Sommernacht gethan
Vom Küssen


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Ich glaub', lieber Schatz, es war Sünde

 
Unter den blühenden Linden -
Weißt du's noch ?
Wir konnten das Ende nicht finden,
Erst küßtest du mich,
Und dann küßte ich dich -
Ich glaub', lieber Schatz, es war Sünde,
Aber süß, aber süß war es doch !
 
Der Vater rief durch den Garten -
Weißt du's noch ?
Wir schwiegen ... der Vater kann warten !
Erst küßtest du mich,
Und dann küßte ich dich:
Ich glaub', lieber Schatz, es war Sünde,
Aber süß, aber süß war es doch.




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Ein Stündchen lang

 
Ich hab' an seiner Brust geruht,
In seinen Armen schlief ich ein,
Und kreuzt er nimmer meinen Weg -
Er war doch eine Stunde mein !
 
Und wenn ich dieser Stunde Glück
Mit meinem Leben zahlen müßt',
Ich ginge lächelnd in den Tod -
Er hat mich einmal doch geküßt !




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Und hab' so große Sehnsucht doch

 
Ich hab' kein' Mutter, die mich hegt,
Die Mutter schläft im Grund,
Ich hab' kein' Buhlen, der mich küßt,
Auf meinen rothen Mund.
 
Und hab' so große Sehnsucht doch,
Und hab' so jungen Sinn -
Was hab' ich dir, o Gott, gethan,
Daß ich so einsam bin ?




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Hab' dich so lieb gehabt

 
Ein Vöglein singt im Wald,
Singt Lieb' und Leiden,
Ich weine für mich hin -
Du willst ja scheiden.
 
Viel Rosen blühen roth,
Ich pflücke keine -
Brauch weder Schmuck noch Zier,
So ganz alleine.
 
Hab' dich so lieb gehabt
Und willst doch wandern,
Suchst nun dein' Fröhlichkeit,
Dein Glück bei Andern.




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Im Lampenschein


Das ist ein lieb Beisammensein,
Wenn über uns die Wanduhr tickt
Und dir der Arbeitslampe Schein
So voll ins frohe Antlitz blickt !

Ich rühr' dich manchmal heimlich an,
Nur, daß ich weiß: ich habe dich -
Dann lächelst du, geliebter Mann,
Und nickst mir zu und küssest mich !




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Weihe


Ich liebe diese Form, die dich entzückt !
Die weiße Brust, an der dein Haupt gelegen,
Und diesen Nacken, den dein Arm umschlang.
Seit deines Kusses Wonne mich durchdrang,
Liegts über mir wie ein geheimer Segen,
Ein Frühlingsglanz, der meine Glieder schmückt !

Ich liebe dieser Augen lichter Schein,
Seit sie, zwei Sterne, über dir gestanden,
Und dieser Stimme warmen, vollen Klang,
Die deine Sehnsucht einst zur Ruhe sang !
Der Mund ist süß, den deine Lippen fanden,
Und diese Seele heilig, seit sie dein !

Die Liebe hebt mich über mich empor,
Daß ich mich selbst wie etwas fremdes sehe,
Und meine Schönheit trage wie ein Kleid,
Wie einen Schmuck, der deinem Dienst geweiht:
Der Sonne gleich, lockt deine liebe Nähe
Mich aus mir selbst sehnsuchtsvoll hervor !




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Das hat die Sommernacht gethan

 
Die Nacht ist keines Menschen Freund -
Was flüsterst du von Treue ?
Der Mond verblaßt, der Morgen graut ...
Am Bette sitzt die Reue.
 
Die Reue ist ein häßlich Weib
Und möcht' mich wohl verderben -
Reiß mir das Herz nicht aus dem Leib,
Ich will ja noch nicht sterben.
 
Mein Blut ist heiß, dein Mund so süß ...
O Gott, wie kannst du küssen !
Das hat die Sommernacht gethan,
Daß wir versinken müssen.




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Vom Küssen

 
 War ich gar so jung und dumm,
Wollte gerne wissen:
"Warum ist mein Mund so roth ?"
Sprach der Mai:
    "Zum Küssen."
 
Als der Nebel schlich durch's Land,
Hab ich fragen müssen:
"Warum ist mein Mund so blaß ?"
Sprach der Herbst:
    "Vom Küssen."


 Anna Ritter (1865-1921)

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