Betty Paoli
Betty Paoli

Gustav Klimt (1862 - 1918) - Der Kuß 1907/08
Wien, Österreichische Galerie


Der Kuß im Traume

 
An einem Frühlingsmorgen
Mir hat die Nacht nicht Schlummer,
Erquickung nicht gebracht!
Allein mit meinem Kummer
Hab' ich sie still durchwacht.

Gottlob! nun seh' ich blinken
Des Morgens dämmernd Grau,
Und alle Blumen trinken
Den milden Segensthau.

Es wenden meine Blicke
Sich hoffend himmelwärts -
Mit deinem Thau erquicke,
O Herr! auch dieses Herz.



Beata solitudo; sola beatitudo

 
Ich bin es müd', mit thöricht milden Händen
Auf starre Felsen Himmelssaat zu säen,
An dumpfe Herzen, die mich nicht verstehen,
Noch länger Lied und Liebe zu verschwenden.

Zur Einsamkeit will ich den Schritt nun wenden,
Wo Laute Gottes durch die Stille wehen,
Und dir, Natur! du mächtigste der Feeen,
Des Herzens letzte Opfergabe spenden.

Du bist das Paradies, das nie verlorne!
Mit sanftem Friedenshauch heilst du die Seelen,
Wenn sie geritzt vom scharfen Lebensdorne.

Nur dir allein will ich mein Leid erzählen,
Und träumend sitzen an dem Waldesborne
Und seinem Rauschen meinen Sang vermählen.



Carpe diem

 
Der Zukunft pocht dein Herz entgegen
Mit jedem Pulsschlag, jedem Hauch?
Gemach! ob Fluch ihr Teil, ob Segen,
Weißt du es auch?

Weißt du, ob, wenn sie einst gekommen,
Die ferne Zeit, die du erkürst,
Du nach dem Heute nicht, beklommen,
Dich sehnen wirst?

So lange dieser dunkeln Frage
Nicht Antwort wurde, voll und echt,
Leb' in dem Heut, und laß dem Tage
Sein gutes Recht. 



Ein Sommerabend

 
Der Vögel süße Lieder fluthen
Aus blüh'nder Bäume Wipfelkranz,
Die Rosen scheinen zu verbluten,
Die Lil'jen streuen duft'gen Glanz.

Ringsum von Schönheit und von Wonne
Ein unergründlich tiefes Meer;
Am Abendhimmel weilt die Sonne
Als fiele ihr das Scheiden schwer.

Noch einen letzten Schimmer sprühend
Ringt sie sich bange zögernd los,
Und sinkt, in tief'rem Roth erglühend
In ihres Wolkengrabes Schooß.

Doch wie Erinnerung, die milde,
Treu ausharrt bei versunk'nem Glück,
Bleibt lang noch auf dem Nachtgefilde
Ein stiller Dämmerschein zurück.



Einer schönen Frau

 
Dein Aug' ist kein dunkler Demant,
Verborg'ne Vulkane verkündend,
Und flammender Leidenschaft Brand
In andern Gemüthern entzündend.

Noch seh ich sein wahrhaftes Bild
Im friedlichen Aether sich malen,
Aus dessen Azurgrund so mild
Die Sterne, die tröstenden, strahlen.

Noch gleicht es dem Auge des Reh's,
Das bittende Thränen befeuchten,
Ach, Thränen der Angst und des Weh's,
Wenn weithin die Jäger es scheuchten.

Dein Aug' gleicht der See nur allein,
Der rastlos sich wandelnden Welle,
Die je nach dem wechselnden Schein
Jetzt dunkel und jetzt wieder helle.

Vom farbigen Strahle geküßt,
Wie leuchten und schimmern die Wogen,
Wie fahl und wie grau und wie wüst,
Wenn wieder der Strahl dann verflogen.

Ja, wahrlich! der Meeresfluth bloß
Weiß ich dieses Aug' zu vergleichen;
An Schätzen zwar reich ist ihr Schooß,
Doch reicher an Trümmern und Leichen.



Ermattung

 
Ich wollt', es wäre Schlafenszeit,
Des Tages mühvoll Werk vollendet,
Und mir dafür als Preis gespendet
Tiefselige Vergessenheit!

Was kümmert mich des Lebens Streit?
Ich habe nichts mehr zu erringen,
Gelähmt sind meiner Seele Schwingen -
Ich wollt', es wäre Schlafenszeit.



Ich

 
Ich kann, was ich muß! o seltnes Geschick!
Ich will, was ich muß - o doppeltes Glück.

Mein Herz ist an Stärke dem Felsen gleich,
Mein Herz ist, wie Blumen, sanft und weich.

Mein Wesen gleicht Glocken von strengem Metall:
Schlag kräftig d'ran, gibt es auch kräftigen Schall.

Mein Geist stürmt auf eiligem Wolkenroß hin;
Mein Geist spielt mit Kindern mit kindlichem Sinn.

Ich weiß, was ich will! und weil ich es weiß,
Drum bann' ich's zu mir in den magischen Kreis.

Ich weiß, was ich will! das ist ja die Kraft,
Die sich aus dem Chaos ein Weltall entrafft.

Ich weiß, was ich will! und wenn ich's erreich',
Dann gelten der Tod und das Leben mir gleich.



Kein Gedicht


             A vingt-cinq ans le coeurse
             brise ou se bronze.
             Chamfort

O wäre mir das heitre Los gefallen,
Das still beglückend andern Frauen fällt,
In schirmender Beschränkung hinzuwallen
Durch eines engen Kreises kleine Welt;

Mein Herz gleich einer Blume zu verschließen
Vor jedem Sturm und jedem Weh der Zeit,
Des Lebens Freuden harmlos zu genießen
In ahnungsloser Unbefangenheit!

Doch anders hat sich mein Geschick gewendet,
Ein Kampfplatz nur war meine Lebensbahn;
Der Kindheit Blütenruh ward mir entwendet
Und hingeopfert einem eitlen Wahn!

In starrem Zwang verflossen jene Tage,
In strenge Regeln ängstlich eingeschult,
Indessen meines jungen Herzens Klage
Um frische Luft und Sonnenlicht gebuhlt.

Ich rang dawider, doch es war vergebens,
Und als ich nun entwachsen jener Zucht,
Das drang die feindlich finstre Macht des Lebens
Wild auf mich ein mit ihrer ganzen Wucht.

Mich schirmte keines Freundes treues Lieben,
Durch meinen Frost drang keines Herzen Glut,
Und in die Fremde ward ich fortgetrieben
Ohn' andre Stütze als den eignen Mut.

Was ich bedurfte, mußt' ich selbst erringen,
Auskämpfen selber jeden herben Streit,
Und drückend lasteten auf meinen Schwingen
Die schweren Fesseln der Notwendigkeit.

Weh jedem, der in seinem Thun und Lassen
Dem inneren Gesetz nicht folgen kann!
Mein Unglück läßt sich in zwei Worte fassen:
Ich war ein Weib und kämpfte wie ein Mann!

Daß ihm am Tag der Schlacht die Wehr nicht fehle,
Erwarb mein Geist sich Schärfe, Kraft und Licht,
Doch blütenlos blieb meine ernste Seele -
Im Waffenkleid pflegt man der Blumen nicht.

Nur einmal wagt' ich, Besseres zu hoffen;
Verheißend lag vor mir ein schönes Glück;
Doch kaum erblüht, sank es, zu Tod getroffen,
Und eine Wunde nur blieb mir zurück.

So glitt fast ungeahnt an mir vorüber
Des Liebefrühlings träum'rische Gestalt,
Und trüber ward mein Sinn und immer trüber,
Mein Herz, gleichwie die Toten, schwer und kalt.

Und wie vom Hauch der herbstlich scharfen Winde
Sich rauh verhärtet manch ein zartes Reis:
So legte sich um mein Gemüt die Rinde
Des Lebensüberdrusses, starr wie Eis.

Und nun, da schon mein bess'res Teil im Grabe,
Da meine Stirn des Zweifels Brandmal trägt,
Nun, da ich es schon fast vergessen habe,
Was einst so stürmisch meine Brust bewegt;

Nun, da im Lebenssande meine Zähren
Versickert längst, da ich mit stolzem Sinn
Nichts mehr vermissend, alles kann entbehren,
Tritt deine Liebe leuchtend zu mir hin!

Suchst du denn Rosen unterm Leichentuche,
Und grünes Laub am blitzzerschellten Stamm?
Zu spät! Der Segen wird an mir zum Fluche -
Mein Schicksal ist ein andrer Bileam!

O warum bist du damals nicht gekommen,
Als ich nach Liebe suchte, nach ihr rief?
Jetzt kann mir dein Erscheinen nicht mehr frommen,
Denn meine Sonne steht schon allzutief! -

Das Weib, das aus den häuslichen Bezirken
Heraustrat in das brausende Gewühl,
Mit eigner Hand zu schaffen und zu wirken,
Gezwungen, zu beherrschen sein Gefühl;

Das, fortgetrieben von den heim'schen Laren,
Auf mühevoller, ruheloser Flucht,
Durch rauhe Wirklichkeit gelernt, erfahren,
Was andre Frau'n zu denken nie versucht;

Das, wie Oedip, mit unheilvollem Munde
Des dunklen Rätsels düstre Lösung fand,
Vor der die Sphinx des Glaubens sich zur Stunde
Verzweifelnd stürzet von dem Felsenrand: -

Das mag wohl ferner mit erschloss'nen Augen
Rasch vorwärts streben auf der Bahn zum Licht,
Zum Forschen, zum Erkennen mag es taugen;
Allein zum Lieben und zum Küssen nicht!

Und darum ist's, daß ich von dir begehre:
Laß mich allein mit meinem Geistesschmerz!
Der Liebe Lust, der Liebe Grameszähre,
Sie füllen nicht mein abgrundtiefes Herz!

Du aber stehst in deiner Jugend Prangen,
Um welche nie ein trüber Schatten floß,
Dein Auge flammt, es blühen deine Wangen -
Drum geh' und suche dir ein bess'res Los!

Und denke nicht, daß ich dein frommes Werben
Hochmüt'gen Sinn's verworfen und verschmäht!
Ich sage dir ja nur, was man im Sterben
Zu allem Glücke sagt: Zu spät! zu spät! 



Wandlung

 
Willst du erschaun, wie viel ein Herz kann tragen,
O blick in meins!
So reich an Wunden, vom Geschick geschlagen,
War wohl noch keins.
Doch mitten in den wütendsten Orkanen
Erhob ich mich
Und schritt dahin auf fernen Bahnen -
Wie stark war ich.

Wie ward mir doch nun so mit einem Male
Die Kraft geraubt?
Es trotzte mutig dem Gewitterstrahle
Mein stolzes Haupt,
Doch als du zu mir sprachst mit leisen Grüßen:
"Ich liebe dich!"
Da sank ich still und weinend dir zu Füßen -
Wie schwach bin ich! 

Betty Paoli
Bety Paoli,  
Pseud. für Barbara Elisabeth (Babette) Glück, 
Österr. Schriftstellerin 
(°Wien 1814, +Baden bei Wien 1894)




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