Das Lied von der Freundschaft |

Das Lied von der FreundschaftThöricht ist's, dem sanften Glühen, Das die Freundschaft mild erregt, Jene Wunden vorzuziehen, Die die Liebe grausam schlägt. Liebe nimmer uns erscheine, Freundschaft bleib' uns zugewandt! Wer verläßt Italiens Haine Für Arabiens heißen Sand ? Für das flüchtige Entzücken, Das die Liebe sparsam bringt, Wie viel Qualen uns durchzücken, Welcher Schrecken uns umringt! Liebe mag die Blicke weiden, Wenn ihr Opfer sinkt ins Grab; Freundschaft nahet sich dem Leiden, Trocknet ihm die Thränen ab. Drum der Liebe bangen Schmerzen, Ihrer Trunkenheit entflohn, Woll'n der Freundschaft wir die Herzen Reichen uns zu schönerm Lohn. Uns die Freundschaft zu versüßen Noch mit einer schönern Zier, Laß mich dich als Bruder grüßen, Gieb den Schwesternamen mir!* * * Freundschaft ist ein Knotenstock auf Reisen, Lieb' ein Stäbchen zum Spazierengehn. ![]() ![]() Blauer Himmel
Heiter blick' ich, ohne Reue
In des Himmels reine Bläue,
Zu der Sterne lichtem Gold.
Ist der Himmel, ist die Freundschaft,
Ist die Liebe mir doch hold.
Laure, mein Schicksal, laure!
Keine Stürme, keine Schmerzen,
Heit're Ruh' im vollen Herzen,
Kann es aber anders sein?
Blauer Himmel, treue Freundschaft,
Reiche Liebe sind ja mein.
Laure, mein Schicksal, laure!
Hat das Schicksal arge Tücke,
Sieh', ich fürchte nichts vom Glücke,
Heiter bin ich, wie die Luft.
Mein der Himmel, mein die Freundschaft,
Mein die Liebe bis zur Gruft.
Laure, mein Schicksal, laure!
![]() ![]() Seit ich ihn gesehenSeit ich ihn gesehen, Glaub' ich blind zu sein; Wo ich hin nur blicke, Seh' ich ihn allein; Wie im wachen Traume Schwebt sein Bild mir vor, Taucht aus tiefstem Dunkel Heller nur empor. Sonst ist licht- und farblos Alles um mich her, Nach der Schwestern Spiele Nicht begehr' ich mehr, Möchte lieber weinen Still im Kämmerlein; Seit ich ihn gesehen, Glaub' ich blind zu sein. ![]() ![]() Für Madame AdelbertOb ich dich liebe? kannst du wohl es fragen? Und können Worte deine Zweifel heben? Die einz'ge Antwort ist das volle Leben. Fürwahr, die Worte wissen's nicht zu sagen. Ob ewig lieben werde? Zu beklagen Ist die, der Schwüre nur Gewißheit geben; Sind Schwüre doch nur Schwüre, Worte eben, Wie welkes Laub im Winter anzuschlagen. "Wie kannst du, roher Mann, mich so betrüben? Was kann ich, Böser, Guter, sonst begehren, Als, was mich freut, aus deinem Mund zu hören?" Du reinster, frommster, aus der Engel Chören, Und mein, mein Kind, mein Weib, mein, sonder Wehren Mein ganzes Sein, mein Leben und mein Lieben! ![]() ![]() MorgentauWir wollten mit Kosen und Lieben Genießen der köstlichen Nacht. Wo sind doch die Stunden geblieben? Es ist ja der Hahn schon erwacht. Die Sonne, die bringt viel Leiden, Es weinet die scheidende Nacht; Ich also muß weinen und scheiden, Es ist ja die Welt schon erwacht. Ich wollt', es gäb' keine Sonne, Als eben dein Auge so klar, Wir weilten in Tag und in Wonne, Und schliefe die Welt immerdar. ![]() ![]() Küssen will ich, ich will küssenFreund, noch einen Kuß mir gib, Einen Kuß von deinem Munde. Ach! ich habe dich so lieb! Freund, noch einen Kuß mir gib. Werden möcht' ich sonst zum Dieb, Wärst du karg in dieser Stunde; Freund, noch einen Kuß mir gib, Einen Kuß von deinem Munde. Küssen ist ein süßes Spiel, Meinst du nicht, mein süßes Leben? Nimmer ward es noch zu viel, Küssen ist ein süßes Spiel. Küsse, sonder Zahl und Ziel, Geben, nehmen, wiedergeben, Küssen ist ein süßes Spiel, Meinst du nicht, mein süßes Leben? Gibst du einen Kuß mir nur, Tausend geb' ich dir für einen. Ach, wie schnelle läuft die Uhr, Gibst du einen Kuß mir nur. Ich verlange keinen Schwur, Wenn es treu die Lippen meinen, Gibst du einen Kuß mir nur, Tausend geb' ich dir für einen. Flüchtig, eilig, wie der Wind Ist die Zeit, wann wir uns küssen. Stunden, wo wir selig sind, Flüchtig, eilig wie der Wind! Scheiden schon, ach so geschwind! O, wie werd' ich weinen müssen! Flüchtig, eilig wie der Wind Ist die Zeit, wann wir uns küssen. Muß es denn geschieden sein. Noch nur einen Kuß zum Scheiden! Scheiden, meiden, welche Pein! Muß es denn geschieden sein? Lebe wohl und denke mein, Mein in Freuden und in Leiden; Muß es denn geschieden sein, Noch nur einen Kuß zum Scheiden! ![]() ![]() An meinem HerzenAn meinem Herzen, an meiner Brust, Du meine Wonne, du meine Lust! Das Glück ist die Liebe, die Lieb' ist das Glück, Ich hab' es gesagt und nehm's nicht zurück. Hab' überglücklich mich geschätzt, Bin überglücklich aber jetzt. Nur die da säugt, nur die da liebt Das Kind, dem sie die Nahrung gibt; Nur eine Mutter weiß allein, Was lieben heißt und glücklich sein. O, wie bedaur' ich doch den Mann, Der Mutterglück nicht fühlen kann! Du schauest mich an und lächelst dazu, Du lieber, lieber Engel, du! An meinem Herzen, an meiner Brust, Du meine Wonne, du meine Lust! ![]() ![]() Das Burgfräulein von Windeck
Halt an den schnaubenden Rappen,
Verblendeter Rittersmann!
Gen Windeck fleucht, dich verlockend,
Der lustige Hirsch hinan.
Und vor den mächtigen Türmen,
Vom äußern verfallenen Thor
Durchschweifte sein Auge die Trümmer,
Worunter das Wild sich verlor.
Da war es so einsam und stille,
Es brannte die Sonne so heiß,
Er trocknete tiefaufatmend
Von seiner Stirne den Schweiß.
»Wer brächte des köstlichen Weines
Mir nur ein Trinkhorn voll,
Den hier der verschüttete Keller
Verborgen noch hegen soll ?«
Kaum war das Wort beflügelt
Von seinen Lippen entfloh'n,
So bog um die Epheu-Mauer
Die sorgende Schaffnerin schon.
Die zarte, die herrliche Jungfrau,
In blendend weißem Gewand,
Den Schlüsselbund im Gürtel,
Das Trinkhorn hoch in der Hand.
Er schlürfte mit gierigem Munde
Den würzig köstlichen Wein,
Er schlürfte verzehrende Flammen
In seinen Busen hinein.
Des Auges klare Tiefe!
Der Locken flüssiges Gold! –
Es falteten seine Hände
Sich flehend um Minnesold.
Sie sah ihn an mitleidig
Und ernst und wunderbar,
Und war so schnell verschwunden,
Wie schnell sie erschienen war.
Er hat seit dieser Stunde,
An Windecks Trümmer gebannt,
Nicht Ruh', nicht Rast gefunden,
Und keine Hoffnung gekannt.
Er schlich im wachen Traume,
Gespenstig, siech und bleich,
Zu sterben nicht vermögend,
Und keinem Lebendigen gleich.
Sie sagen: sie sei ihm zum andern
Erschienen nach langer Zeit,
Und hab' ihn geküßt auf die Lippen,
Und so ihn vom Leben befreit.
![]() ![]() AbendLaß, Kind, laß meinen Weg mich ziehen, Es wird schon spät, es wird schon kalt; Es neiget sich der Tag zu Ende, Und erst dort unten mach' ich Halt. Wozu mir deine Lieder singen? Sie treffen mich mit fremdem Klang. – Wie war das Wort? war's Liebe? Liebe! Vergessen hatt' ich es schon lang'. Und doch, gedenk' ich ferner Zeiten, Mich dünkt, es war ein süßes Wort. Jetzt aber zieh' ich meiner Straße, Ein jeder kommt an seinen Ort. Hier windet sich mein Pfad nach unten, Die müden Schritte schwanken sehr; Mein frühes Feuer ist erloschen, Das fühl' ich alle Stunden mehr. ![]() Adelbert von Chamisso, eigentlich Louis Charles Adélaïde de Chamisso de Boncourt. (°1781 Châlons-en-Champagne; †1838 Berlin). Schriftsteller, Naturforscher und Dichter. Gedichte: Frauen-Liebe und Leben, Liederzyklus, Berlin 1830. Gedichte, Leipzig 1831 ![]() |

