Joseph Freiherr von Eichendorff

Blumenlese

Wahl


Oh wunderbares, tiefes Schweigen


Ostern


Abendlich schon rauscht der Wald


Im Abendrot


Die Stille


Frühlingsnetz


Das Mädchen


Sehnsucht


Die Studenten


Mädchenseele


Nachtzauber


Schöne Fremde


Der Glücksritter


Der Nachtvogel


Durcheinander


Es schienen so golden die Sterne


Frühlingsnacht


Komm, Trost der Welt


Der Blick


Neue Liebe


Abschied

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Wahl
Der Tanz, der ist zerstoben, Die Musik ist verhallt, Nun kreisen Sterne droben, Zum Reigen singt der Wald. Sind alle fortgezogen, Wie ist's nun leer und tot! Du rufst vom Fensterbogen: "Wann kommt das Morgenrot!" Mein Herz möcht mir zerspringen, Darum so wein ich nicht, Darum so muß ich singen, Bis daß der Tag anbricht. Eh es beginnt zu tagen: Der Strom geht still und breit, Die Nachtigallen schlagen, Mein Herz wird mir so weit! Du trägst so rote Rosen, Du schaust so freudenreich, Du kannst so fröhlich kosen, Was stehst du still und bleich? Und laß sie gehn und treiben Und wieder nüchtern sein, Ich will wohl bei dir bleiben! Ich will dein Liebster sein!

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Oh wunderbares, tiefes Schweigen
Oh wunderbares, tiefes Schweigen, wie einsam ist`s doch auf der Welt! Die Wälder nur sich leise neigen, als ging der Herr durchs stille Feld. Ich fühl mich recht wie neu erschaffen. Wo ist die Sorge, wo die Not? Was mich noch gestern wollt erschlaffen- ich schäm mich des im Morgenrot. Die Welt mit ihrem Gram und Glücke will ich,ein Pilger, frohbereit betreten nur wie eine Brücke zu Dir, Herr, übern Strom der Zeit.

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Ostern
Vom Münster Trauerglocken klingen, Vom Tal ein Jauchzen schallt herauf. Zur Ruh sie dort dem Toten singen, Die Lerchen jubeln: Wache auf! Mit Erde sie ihn still bedecken, Das Grün aus allen Gräbern bricht, Die Ströme hell durchs Land sich strecken, Der Wald ernst wie in Träumen spricht, Und bei den Klängen, Jauchzen, Trauern, Soweit ins Land man schauen mag, Es ist ein tiefes Frühlingsschauern Als wie ein Auferstehungstag.

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Abendlich schon rauscht der Wald
Abendlich schon rauscht der Wald Aus den tiefsten Gründen, Droben wird der Herr nun bald An die Sternlein zünden. Wie so stille in den Schlünden, Abendlich nur rauscht der Wald. Alles geht zu seiner Ruh. Wald und Welt versausen, Schauernd hört der Wandrer zu, Sehnt sich recht nach Hause. Hier in Waldes stiller Klause, Herz, geh endlich auch zur Ruh.

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Im Abendrot
Wir sind durch Not und Freude Gegangen Hand in Hand, Vom Wandern ruhn wir beide Nun überm stillen Land. Rings sich die Täler neigen, Es dunkelt schon die Luft, Zwei Lerchen nur noch steigen Nachträumend in den Duft. Tritt her, und laß sie schwirren, Bald ist es Schlafenszeit, Daß wir uns nicht verirren In dieser Einsamkeit. O weiter, stiller Friede! So tief im Abendrot Wie sind wir wandermüde - Ist das etwa der Tod?

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Die Stille
Es weiß und rät es doch keiner, Wie mir so wohl ist, so wohl! Ach, wüßt es nur Einer, nur Einer, Kein Mensch es sonst wissen soll! So still ist's nicht draußen im Schnee, So stumm und verschwiegen sind Die Sterne nicht in der Höhe, Als meine Gedanken sind. Ich wünscht, es wäre schon Morgen, Da fliegen zwei Lerchen auf, Die überfliegen einander, Mein Herze folgt ihrem Lauf. Ich wünscht, ich wäre ein Vöglein Und zöge über das Meer, Wohl über das Meer und weiter, Bis daß ich im Himmel wär!

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Frühlingsnetz
Im hohen Gras der Knabe schlief, Da hört' er's unten singen, Es war, als ob die Liebste rief, Das Herz wollt ihm zerspringen. Und über ihm ein Netze wirrt Der Blumen leises Schwanken, Durch das die Seele schmachtend irrt In lieblichen Gedanken. So süße Zauberei ist los, Und wunderbare Lieder Gehn durch der Erde Frühlingsschoß, Die lassen ihn nicht wieder.

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Das Mädchen
Stand ein Mädchen an dem Fenster, Da es draußen Morgen war, Kämmte sich die langen Haare, Wusch sich ihre Äuglein klar. Sangen Vöglein aller Arten, Sonnenschein spielt' vor dem Haus, Draußen überm schönen Garten Flogen Wolken weit hinaus. Und sie dehnt' sich in den Morgen, Als ob sie noch schläfrig sei, Ach, sie war so voller Sorgen, Flocht ihr Haar und sang dabei: "Wie ein Vöglein hell und reine, Ziehet draußen muntre Lieb, Lockt hinaus zum Sonnenscheine, Ach, wer da zu Hause blieb'!"

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Sehnsucht
Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leib entbrennte, Da hab ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshang, Ich hörte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschlüften, Wo die Wälder rauschen so sacht, Von Quellen, die von den Klüften Sich stürzen in die Waldesnacht. Sie sangen von Marmorbildern, Von Gärten, die überm Gestein In dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, Wo die Mädchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht Und die Brunnen verschlafen rauschen In der prächtigen Sommersnacht. -

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Die Studenten
Die Jäger ziehn in grünen Wald Und Reiter blitzend übers Feld, Studenten durch die ganze Welt, So weit der blaue Himmel wallt. Der Frühling ist der Freudensaal, Vieltausend Vöglein spielen auf, Da schallt's im Wald bergab, bergauf: "Grüß dich, mein Schatz, vieltausendmal!" Viel rüst'ge Bursche ritterlich, Die fahren hier in Stromes Mitt, Wie wilde sie auch stellen sich, Trau mir, mein Kind, und fürcht dich nit! Querüber übers Wasser glatt Laß werben deine Äugelein, Und der dir wohlgefallen hat Der soll dein lieber Buhle sein. Durch Nacht und Nebel schleich ich sacht, Kein Lichtlein brennt, kalt weht der Wind, Riegl auf, riegl auf bei stiller Nacht, Weil wir so jung beisammen sind! Ade nun, Kind, und nicht geweint! Schon gehen Stimmen da und dort, Hoch übern Wald Aurora scheint, Und die Studenten reisen fort.

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Mädchenseele
Gar oft schon fühlt ichs tief, des Mädchens Seele Wird nicht sich selbst, dem Liebsten nur geboren. Da irrt sie nun verstoßen und verloren, Schickt heimlich Blicke schön als Boten aus, Daß sie auf Erden suchen ihr ein Haus. Sie schlummert in der Schwüle, leicht bedeckt, Lächelt im Schlafe, atmet warm und leise, Doch die Gedanken sind fern auf der Reise, Und auf den Wangen flattert träumrisch Feuer, Hebt buhlend oft der Wind den zarten Schleier. Der Mann, der da zum erstenmal sie weckt, Zuerst hinunterlangt in diese Stille, Dem fällt sie um den Hals vor Freude bang Und läßt ihn nicht mehr all ihr Lebelang.

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Nachtzauber
Hörst du nicht die Quellen gehen Zwischen Stein und Blumen weit Nach den stillen Waldesseen, Wo die Marmorbilder stehen In der schönen Einsamkeit? Von den Bergen sacht hernieder, Weckend die uralten Lieder, Steigt die wunderbare Nacht, Und die Gründe glänzen wieder, Wie dus oft im Traum gedacht. Kennst die Blume du, entsprossen In dem mondbeglänzten Grund? Aus der Knospe, halb erschlossen, Junge Glieder blühend sprossen, Weiße Arme, roter Mund, Und die Nachtigallen schlagen, Und rings hebt es an zu klagen, Ach, vor Liebe todeswund, Von versunknen schönen Tagen – Komm, o komm zum stillen Grund!

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Schöne Fremde
Es rauschen die Wipfel und schauern, Als machten zu dieser Stund Um die halbversunkenen Mauern Die alten Göttec die Rund. Hier hinter den Myrtenbäumen In heimlich dämmernder Pracht, Was sprichst du wirr wie in Träumen Zu mit, phantastische Nacht? Es funkeln auf mich alle Sterne Mit glühendem Liebesblick, Es redet trunken die Ferne Wie von künftigem, großem Glück!

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Der Glücksritter
Wenn Fortuna spröde tut, Laß ich sie in Ruh, Singe recht und trinke gut, Und Fortuna kriegt auch Mut, Setzt sich mit dazu. Doch ich geb mir keine Müh: "He, noch einer her!" Kehr den Rücken gegen sie, Laß hoch leben die und die - Das verdrießt sie sehr. Und bald rückt sie sacht zu mir: "Hast du deren mehr?" Wie Sie sehn. - "Drei Kannen schier, und das lauter Klebebier!" - 's wird mir gar nicht schwer. Drauf sie zu mir lächelt fein: "Bist ein ganzer Kerl!" Ruft den Kellner, schreit nach Wein, Trinkt mir zu und schenkt mir ein, Echte Blum und Perl. Sie bezahlet Wein und Bier, Und ich, wieder gut, Führe sie am Arm mit mir Aus dem Haus, wie'n Kavalier, Alles zieht den Hut.

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Der Nachtvogel
Liegt der Tag rings auf der Lauer, Blickt so schlau auf Lust und Trauer: Kann ich mich kaum selbst verstehen. Laß die Lauscher schlafen gehen! Nur ein Stündchen unbewacht Laß in der verschwiegnen Nacht Mich in deine Augen sehen Wie in stillen Mondenschein. In dem Park an der Rotunde, Wenn es dunkelt, harr ich dein. Still und fromm will ich ja sein. Liebste, ach nur eine Stunde! - Sieh mir nicht so böse drein! Willst du nie dein Schweigen brechen, Ewig stumm wie Blumen sein: O so laß mich das Versprechen Pflücken dir vom stillen Munde: Liebste, ach nur eine Stunde. In dem Park an der Rotunde, Wenn es dunkelt, harr ich dein. * Coda Und kann ich nicht sein Mit dir zu zwein, So will ich, allein, Der Schwermut mich weihn!

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Durcheinander
Spatzen schrein und Nachtigallen, Nelke glüht und Distel sticht, Rose schön durch Nesseln bricht. Besser noch hat mir gefallen Liebchens spielendes Augenlicht; Aber fehlte auch nur eins von allen, 's wär eben der närrische Frühling nicht. 1841

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Es schienen so golden die Sterne
Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leib entbrennte, Da hab ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht! Zwei junge Gesellen gingen Vorüber am Bergeshang, Ich hörte im Wandern sie singen Die stille Gegend entlang: Von schwindelnden Felsenschlüften, Wo die Wälder rauschen so sacht, Von Quellen, die von den Klüften Sich stürzen in die Waldesnacht. Sie sangen von Marmorbildern, Von Gärten, die überm Gestein In dämmernden Lauben verwildern, Palästen im Mondenschein, Wo die Mädchen am Fenster lauschen, Wann der Lauten Klang erwacht Und die Brunnen verschlafen rauschen In der prächtigen Sommernacht. -

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Frühlingsnacht
Übern Garten durch die Lüfte Hört ich Wandervögel ziehn, Das bedeutet Frühlingsdüfte, Unten fängts schon an zu blühn. Jauchzen möcht ich, möchte weinen, Ist mirs doch, als könnts nicht sein! Alte Wunder wieder scheinen Mit dem Mondesglanz herein. Und der Mond, die Sterne sagens, Und in Träumen rauschts der Hain, Und die Nachtigallen schlagens: Sie ist deine, sie ist dein!

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Komm, Trost der Welt
Komm, Trost der Welt, du stille Nacht! Wie steigst du von den Bergen sacht, Die Lüfte alle schlafen, Ein Schiffer nur noch, wandermüd, Singt übers Meer sein Abendlied Zu Gottes Lob im Hafen. Die Jahre wie die Wolken gehn Und lassen mich hier einsam stehn, Die Welt hat mich vergessen, Da tratst du wunderbar zu mir, Wenn ich beim Waldesrauschen hier Gedankenvoll gesessen. O Trost der Welt, du stille Nacht! Der Tag hat mich so müd gemacht, Das weite Meer schon dunkelt, Laß ausruhn mich von Lust und Not, Bis daß das ewige Morgenrot Den stillen Wald durchfunkelt.

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Der Blick
Schaust Du mich aus Deinen Augen lächelnd wie aus Himmeln an, fühl´ ich wohl, daß keine Lippe solche Sprache führen kann. Könnte sie´s auch wörtlich sagen was dem Herzen tief entquillt, still den Augen aufgetragen wird es süßer nur erfüllt. Und ich seh´ des Himmels Quelle, die mir lang verschlossen war, wie sie bricht in reinster Helle aus dem reinsten Augenpaar. Und ich öffne still im Herzen alles, alles diesem Blick. Und den Abgrund meiner Schmerzen füllt er strömend aus mit Glück.

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Neue Liebe
Herz, mein Herz, warum so fröhlich, So voll Unruh und zerstreut, Als käm über Berge selig Schon die schöne Frühlingszeit? Weil ein liebes Mädchen wieder Herzlich an dein Herz sich drückt, Schaust du fröhlich auf und nieder, Erd und Himmel dich erquickt. Und ich hab die Fenster offen, Neu zieh in die Welt hinein Altes Bangen, altes Hoffen! Frühling, Frühling soll es sein! Still kann ich hier nicht mehr bleiben, Durch die Brust ein Singen irrt, Doch zu licht ist's mir zum Schreiben, Und ich bin so froh verwirrt. Also schlendr' ich durch die Gassen, Menschen gehen her und hin, Weiß nicht, was ich tu und lasse, Nur, daß ich so glücklich bin.

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Abschied
O Täler weit, o Höhen, O schöner, grüner Wald, Du meiner Lust und Wehen Andächt'ger Aufenthalt! Da draußen, stets betrogen, Saust die geschäft'ge Welt, Schlag noch einmal die Bogen Um mich, du grünes Zelt! Wenn es beginnt zu tagen, Die Erde dampft und blinkt, Die Vögel lustig schlagen, Daß dir dein Herz erklingt: Da mag vergehn, verwehen Das trübe Erdenleid, Da sollst du auferstehen In junger Herrlichkeit! Da steht im Wald geschrieben Ein stilles, ernstes Wort Von rechtem Tun und Lieben, Und was des Menschen Hort. Ich habe treu gelesen Die Worte, schlicht und wahr, Und durch mein ganzes Wesen Wards unaussprechlich klar. Bald werd ich dich verlassen, Fremd in der Fremde gehn, Auf buntbewegten Gassen Des Lebens Schauspiel sehn; Und mitten in dem Leben Wird deines Ernsts Gewalt Mich Einsamen erheben, So wird mein Herz nicht alt.



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Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff
(°1788 Schloss Lubowitz bei Ratibor Oberschlesien; †Neiße, Oberschlesien)
war ein Lyriker und Schriftsteller der deutschen Romantik.


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Eichendorff - Der verliebte Reisende


J.G. Jacobi


J.W. Goethe


A. Chamisso


S. Grünwald Zerkowitz


Heinrich Heine


Anna Ritter


Bettina von Arnim


Karoline von Günderrode


Christian Morgenstern


Hugo von Hofmannsthal


R.M. Rilke


Kurt Tucholsky


Liebesgedichte



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Update: 12-02-2016.