Ernst Blass

An Gladys

Seit ich zuviel an dich denke

Die Trennung

In einer fremden Stadt

Abendstimmung

Lust

An Gladys

              
         O du, mein holder Abendstern ...
                  Richard Wagner
So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht, Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt. Die Straßen komme ich entlang geweht. Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt. Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät... Laternen schlummern süß und schneestaubt. Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt! Die Straßen komme ich entlang geweht, Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen, Was mich vorhin noch von den Menschen trennte; So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht... Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte, Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen.




Linecol

Seit ich zuviel an dich denke


Seit ich zuviel an dich denke,
 Bin ich nicht mehr frei und munter.
 Such ich, wie ich es versenke,
 Geht es doch mir nicht mehr unter.

Lockig Haare, klar die Wangen
 Und der Augen Schelmerein,
 Sie sind ferne, doch sie fangen
 Mich mit bangen Schlingen ein.

Weiß nicht, wie das enden möge,
 Bringt es Freude oder Schmerz ?
 In dem zierlichsten Gehege
 Neu verfangen glüht mein Herz.




Linecol

Die Trennung


Als wir uns trennten, fingst du an zu weinen.
Du süßes Mädchen! Tränen und Geleit ...
Ich schwenkte aus dem Zuge langsam meinen
Strohhut nach dir, die blieb, in rotem Kleid.

Es wird schon dunkel. Dörfer, Wälder, Reise ...
Schmerzlich und klanglos ging die Zeit vorbei.
Liebte ich dich? Du warst mir einerlei.
Beim Kaffeetrinken weinte ich noch leise.

Viel Stunden kann noch unser Leben währen
Mit Krampf, Musike, mancher Einsamkeit.
Meist aber füllen einen die Miseren
Und Späße aus, und so vergeht die Zeit.

Grau ist der Abend in der Eisenbahn.
Ich gehe nach dem Speisewagen, essen,
Ich habe Angst: wir werden uns vergessen,
Erblindet, eh wir je uns wiedersahn.




Linecol

In einer fremden Stadt


Ich bin in eine fremde Stadt verschlagen.
Die Straßen stehn mit Häusern. Weißer Himmel,
Auf dem im Winde dünne Wolken ziehn.

Im Abend: Rufe, Pfiffe, Bahngebimmel.
In einem Cafe würden Melodien
Mir heute die Begrüßung doch versagen.

Ein Kellner käme fremd, was ich befehle:
Vielleicht war wieder Angst in meiner Kehle.

Ich gehe matt, zerschlagen hin auf realen Wegen.
Menschen kommen mir abendlich entgegen.

Pfiffe hör ich, Rufe, wie im Traum.
Ich spüre meine alte Angst noch kaum.

Ich werde schlafen gehn, daß mich nichts wieder quäle.
Ich kenne hier ja keine Menschenseele.




Linecol

Abendstimmung

 
Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.

An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.

Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe !
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe !

Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.

O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip.




Linecol

Lust

 
Jeder fällt sich um den Hals
Zu der Zeit des Karnevals.
Und nach alten Münchner Bräuchen
Hörst du ihn vor Lust fast keuchen.

Bis zur Drau, bis zu Sau
Hörst du herzigen Radau.
Wo du deinen Blick hin schwenkst,
Quietscht die Stute, bläst der Hengst.

Ganz zur Pfeife, ganz zur Tute
Lärmen sie durch die Redoute.
Mit Musik und blauem Dunst
Herrscht a kreuzfidele Brunst.

Menschensehnsucht?, dick verdeckt ?
Arme, in die Welt gereckt?
(...Mit dem Hin- und Herwärts-Neigen
Junger Körper gehn die Geigen...)


Ernst Blass
 (°1890, Berlin - †1939, Berlin)


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