Johann Wolfgang von Goethe - Poesie
J. W. Goethe
An Charlotte von Stein


Charlotte Albertine Ernestine von Schardt
Charlotte von Stein (º1742 +1827)


Johann Wolfgang Goethe lernte die sieben Jahre ältere Charlotte von Stein kennen,
kurz nach seiner Ankunft in Weimar im November 1775, und verliebte sich in sie.
Ihr schrieb er über 1700 Briefe, obwohl sie sich fast täglich sahen.
Durch Goethes heimliche Abreise nach Italien (1786) fühlte sich Frau von Stein
sehr gekränkt. Es kam sogar zum Bruch (1789) zwischen den beiden, nachdem
sie von Goethes Zusammenleben mit Christiane Vulpius erfahren hatte.
Erst nach 1801 entwickelte sich wieder eine Freundschaft, ohne zu der einstigen
Vertrautheit zurückzufinden...




An Charlotte von Stein

     Ach, wie bist du mir,
Wie bin ich dir geblieben !
Nein, an der Wahrheit
Verzweifl ich nicht mehr. 
Ach, wenn du da bist,
Fühl ich, ich soll dich nicht lieben;
Ach, wenn du fern bist,
Fühl ich, ich lieb dich so sehr.


An Charlotte von Stein

     Du machst die Alten jung, die Jungen alt,
Die Kalten warm, die Warmen kalt,
Bist ernst im Scherz, der Ernst macht dich zu lachen,
Dir gab aufs menschliche Geschlecht
Ein süßer Gott sein längst bewährtes Recht,
Aus Weh ihr Wohl, aus Wohl ihr Weh zu machen. 


An Charlotte von Stein
     
     Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne,
So weit die Welt nur offen liegt, gegangen,
Bezwängen mich nicht übermächtge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen,
Daß ich in dir nur erst mich kennen lerne.
Mein Dichten, Trachten, Hoffen und Verlangen
Allein nach dir und deinem Wesen drängt,
Mein Leben nur an deinem Leben hängt.


An Charlotte von Stein

     Ich bin eben nirgend geborgen:
Fern an die holde Saale hier
Verfolgen mich manche Sorgen
Und meine Liebe zu dir.  


An Charlotte von Stein

     Deine Grüße hab ich wohl erhalten.
Liebe lebt jetzt in tausend Gestalten,
Gibt der Blume Farb und Duft,
Jeden Morgen durchzieht sie die Luft,
Tag und Nacht spielt sie auf Wiesen, in Hainen,
Mir will sie oft zu herrlich erscheinen;
Neues bringt sie täglich hervor,
Leben summt uns die Biene ins Ohr.
Bleib, ruf ich oft, Frühling! man küsset dich kaum,
Engel, so fliehst du wie ein schwankender Traum;
Immer wollen wir dich ehren und schätzen,
So uns an dir wie am Himmel ergötzen.


An Charlotte von Stein

     Woher sind wir geboren?
Aus Lieb.
Wie wären wir verloren?
Ohn Lieb.
Was hilft uns äberwinden?
Die Lieb.
Kann man auch Liebe finden?
Durch Lieb.
Was läßt nicht lange weinen?
Die Lieb.
Was soll uns stets vereinen?
Die Lieb.


An Lida (Charlotte von Stein)

     Den Einzigen, Lida, welchen du lieben kannst,
Forderst du ganz für dich, und mit Recht.
Auch ist er einzig dein.
Denn seit ich von dir bin,
Scheint mir des schnellsten Lebens
Lärmende Bewegung
Nur ein leichter Flor, durch den ich deine Gestalt
Immerfort wie in Wolken erblicke:
Sie leuchtet mir freundlich und treu,
Wie durch des Nordlichts bewegliche Strahlen
Ewige Sterne schimmern.


An Charlotte von Stein

     Hier bildend nach der reinen stillen
Natur, ist ach, mein Herz der alten Schmerzen voll;
Leb ich doch stets um derentwillen,
Um derentwillen ich nicht leben soll.  
  
 Und ich geh meinen alten Gang
Meine liebe Wiese lang.
Tauche mich in die Sonne früh,
Bad ab im Monde des Tages Müh.
Leb in Liebes-Klarheit und -Kraft,
Tut mir wohl des Herren Nachbarschaft,
Der in Liebes-Dumpfheit und -Kraft hinlebt
Und sich durch seltnes Wesen webt.  
  
 Zwischen Felsen wuchsen hier
Diese Blumen, die wir treu dir reichen,
Verwelkliche Zeichen
Der ewigen Liebe zu dir.  
  
 Ach, so drückt mein Schicksal mich,
Daß ich nach dem Unmöglichen strebe.
Lieber Engel, für den ich nicht lebe,
Zwischen den Gebürgen leb ich für dich. 



Mit einer Hyazinthe


An Charlotte von Stein

     Aus dem Zaubertal dortnieden,
Das der Regen still umtrübt,
Aus dem Taumel der Gewässer
Sendet Blume, Gruß und Frieden,
Der dich immer treu und besser,
Als du glauben magst, geliebt.

Diese Blume, die ich pflücke,
Neben mir vom Tau genährt,
Läßt die Mutter still zurücke,
Die sich in sich selbst vermehrt.
Lang entblättert und verborgen,
Mit den Kindern an der Brust,
Wird am neuen Frühlingsmorgen
Vielfach sie des Gärtners Lust.


An Charlotte von Stein

     Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn? 
Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehrten Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwart'te Morgenröte tagt.
Nur uns armen Liebevollen beiden
Ist das wechselseitge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
In dem andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr. 

Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich, dem die Ahndung eitel wär!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau. 

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit Einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt;
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf;
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Füßen lag,
Fühlt' sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut! 

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, daß das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag!


An Charlotte von Stein

     Von mehr als Einer Seite verwaist,
Klag ich um deinen Abschied hier;
Nicht allein meine Liebe verreist,
Meine Tugend verreist mit dir.

Denn ach, bald wird in dumpfes Unbehagen
Die schönste Stimmung umgewandt,
Die Leidenschaft heißt mich an frischen Tagen
Nach dem und jenem Gute jagen,
Und denk ich es recht sicher heim zu tragen,
Spielt mirs der Leichtsinn aus der Hand.
Bald reizt mich die Gefahr; ein Abenteur zu wagen,
Ich stürze mich hinein und halte mutig stand;
Doch seitwärts fährt die Lust auf ihrem Taubenwagen,
Die Luft wird balsamreich, mein Herz gerät in Brand.

Mein Schutzgeist, eil, es ihr zu sagen,
Durchstreiche schnell das ferne Land.
Sie soll nicht scheltem, soll den Freund beklagen;
Und bitte sie zu Lindrung meiner Plagen
Um das geheimnisvolle Band;
Sie trägts, und oft hat mirs ihr Blick versprochen.


An Charlotte von Stein

     Was mir in Kopf und Herzen stritt
Seit manchen lieben Jahren!
Was ich da träumend jauchzt und litt,
Muß wachend nun erfahren.


An Charlotte von Stein

     Einer Einzigen angehören, 
Einen Einzigen verehren, 
Wie vereint es Herz und Sinn! 
Lida, Glück der nächsten Nähe, 
William, Stern der schönsten Hähe, 
Euch verdank' ich, was ich bin. 
Tag' und Jahre sind verschwunden,
Und doch ruht auf jenen Stunden 
Meines Wertes Vollgewinn.


An Charlotte von Stein

Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne, 
So weit die Welt nur offen liegt, gegangen, 
Bezwängen mich nicht übermächtge Sterne, 
Die mein Geschick an deines angehangen, 
Daß ich in dir nur erst mich kennen lerne. 
Mein Dichten, Trachten, Hoffen und Verlangen 
Allein nach dir und deinem Wesen drängt, 
Mein Leben nur an deinem Leben hängt.


An Charlotte von Stein

Der du von dem Himmel bist,
 Alles Leid und Schmerzen stillest,
 Den, der doppelt elend ist,
 Doppelt mit Erquickung füllest;
 Ach, ich bin des Treibens müde!
 Was soll all der Schmerz und Lust?
 Süßer Friede,
 Komm, ach komm in meine Brust!


Johann Wolfgang Goethe  (1749 - 1832)



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