Johann Wolfgang Goethe- Friederike Brion - Poesie
Johann Wolfgang Goethe

Friederike Brion in Elsässer Tracht
°19 April 1752 in Niederrödern (vermutlich) 
†3 April 1813 in Meißenheim

Seine schönsten Liebesgedichte schrieb Goethe während seines Aufenthaltes in Straßburg,
(Jurastudium ab 1771) als er in Liebe zu der jüngste Tocher des Sesenheimer Pfarrers
J.J. Brion entbrannte. Die Beziehung zwischen dem 21-jährigen Goethe und der 19-jährigen
Friederike Brion hielt etwa eineinhalb Jahre an.
Für Friederike schrieb er manche Gedichte. Die gelungensten sind das 'Mailied',
'Willkommen und Abschied' und 'Heidenröslein'.
Der Abschied von Friederike (1771), der den Bruch bedeutete, war sehr schmerzlich
für das mädchen.



Ob ich dich liebe weiß ich nicht



Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.
Seh´ ich nur einmal dein Gesicht,
Seh´ dir ins Auge nur einmal,
Frei wird mein Herz von aller Qual.
Gott weiß, wie mir so wohl geschieht !
Ob ich dich liebe, weiß ich nicht.



Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur !
Wie glänzt die Sonne !
Wie lacht die Flur !

Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch

Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne !
O Glück, o Lust !

O Lieb', o Liebe !
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn !

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich !
Wie blickt dein Auge !
Wie liebst du mich !

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst !

Frühsommer 1771



Mit einem gemalten Band

Kleine Blumen, kleine Blätter
Streuen mir mit leichter Hand
Gute junge Frühlingsgötter
Tändelnd auf ein luftig Band.
 
Zephir, nimms auf deine Flügel,
Schlings um meiner Liebsten Kleid;
Und so tritt sie vor den Spiegel
All in ihrer Munterkeit. 

Sieht mit Rosen sich umgeben,
Selbst wie eine Rose jung.
Einen Blick, geliebtes Leben !
Und ich bin belohnt genug. 

Fühle, was dies Herz empfindet,
Reiche frei mir deine Hand,
Und das Band, das uns verbindet,
Sei kein schwaches Rosenband ! 

 

An Friederike Brion

Ein grauer, trüber Morgen
Bedeckt mein liebes Feld,
Im Nebel tief verborgen
Liegt um mich her die Welt.
O liebliche Friedrike,
Dürft ich nach dir zurück,
In einem deiner Blicke
Liegt Sonnenschein und Glück.

Der Baum, in dessen Rinde
Mein Nam bei deinem steht,
Wird bleich vom rauhen Winde,
Der jede Lust verweht.
Der Wiesen grüner Schimmer
Wird trüb wie mein Gesicht,
Sie sehen die Sonne nimmer,
Und ich Friedriken nicht.

Bald geh ich in die Reben
Und herbste Trauben ein;
Umher ist alles Leben,
Es strudelt neuer Wein.
Doch in der öden Laube,
Ach, denk ich, wär sie hier;
Ich brächt ihr diese Traube,
Und sie - was gäb sie mir ?

Erwache, Friederike,
Vertreib die Nacht,
Die einer deiner Blicke
Zum Tage macht.
Der Vögel sanft Geflüster
Ruft liebevoll,
Daß mein geliebt Geschwister
Erwachen soll.

Es zittert Morgenschimmer
Mit blödem Licht
Errötend durch dein Zimmer
Und weckt dich nicht.
Am Busen deiner Schwester,
Der für dich schlagt,
Entschläfst du immer fester,
Je mehr es tagt.

Die Nachtigall im Schlafe
Hast du versäumt;
So höre nun zur Strafe,
Was ich gereimt.
Schwer lag auf meinem Busen
Des Reimes Joch;
Die schönste meiner Musen,
Du - schliefst ja noch.

Balde seh ich Rickgen wieder
Balde bald umarm ich Sie
Munter tanzten meine Lieder
Nach der süßten Melodie,
Ach wie schän hats mir geklungen
Wenn sie meine Lieder sang
Lange hab ich nicht gesungen
Lange Liebe Liebe lang
Denn mich ängstgen tiefe Schmerzen
Wenn mein Mädchen mir entflieht
Und der wahre Gram im Herzen
Geht nicht über in ein Lied
Doch jetzt sing ich und habe
Volle Freude süß und rein
ja, ich gäbe diese Gabe
Nicht für alle Klöster Wein.



Willkommen und Abschied

Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde !
Es war getan fast eh gedacht.
Der Abend wiegte schon die Erde,
Und an den Bergen hing die Nacht;
Schon stand im Nebelkleid die Eiche,
Ein aufgetürmter Riese, da,
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.

Der Mond von einem Wolkenhügel
Sah kläglich aus dem Duft hervor,
Die Winde schwangen leise Flügel,
Umsausten schauerlich mein Ohr;
Die Nacht schuf tausend Ungeheuer,
Doch frisch und fröhlich war mein Mut:
In meinen Adern welches Feuer !
In meinem Herzen welche Glut !

Dich sah ich, und die milde Freude
Floss von dem süßen Blick auf mich;
Ganz war mein Herz an deiner Seite
Und jeder Atemzug für dich.
Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
Umgab das liebliche Gesicht,
Und Zärtlichkeit für mich - ihr Götter !
Ich hofft' es, ich verdient' es nicht !

Doch ach, schon mit der Morgensonne
Verengt der Abschied mir das Herz:
In deinen Küssen welche Wonne !
In deinem Auge welcher Schmerz !
Ich ging, du standst und sahst zur Erden 
Und sahst mir nach mit nassem Blick:
Und doch, welch Glück, geliebt zu werden !
Und lieben, Götter, welch ein Glück !



Heidenröslein 

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sah's mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: "Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden !"
Röslein sprach: "Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich will's nicht leiden."
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.


Johann Wolfgang Goethe  (°1749 - †1832)




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