J. W. Goethe
An Suleika

Marianne Jung (von Willemer) 
(Linz 1784 - Frankfurt 1860)
Marianne war das uneheliche Kind 
einer österreichischen Schauspielerin 
und eines holländischen Tanzlehrers

Goethe -bereits 65 Jahre alt- lernte bei seinem Jugendfreund
Johann Jakob Willemer die knapp dreißigjährige Marianne Jung
kennen. Sie war die "Pflegetochter" des reichen Frankfurter
Bankiers, der die erst sechzehnjährige Schauspielerin und
Tänzerin ihrer Mutter abgekauft und zu sich ins Haus geholt hatte.
Auf die Gerbermühle entspann sich im Sommer 1814 eine Liebe
zwischen Marianne Jung und Goethe. "Sollst mir ewig Suleika
heißen", schrieb er über sie. Goethe und Marianne ließen
sich inspirieren von den persischen Dichters Hafis (14 Jh.).
Ein Dialog in Gedichten entstand, wie es ihn nie zuvor in
der deutschen Literatur gegeben hatte. Die Liebe scheiterte
an Goethes Angst vor Komplikationen.
Erst als Goethe der Gerbermühle den Rücken kehrte, heiratete
Johann Jakob Willemer - selbst weit über 50 Jahre alt - Marianne
überstürzt und ohne Aufgebot.
Nach 1815 sahen 'Suleika' und Goethe sich nie wieder...

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Buch Suleika

Ists möglich, daß ich, Liebchen, dich kose, Vernehme der göttlichen Stimme Schall! Unmöglich scheint immer die Rose, Unbegreiflich die Nachtigall.
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Die Welt durchaus ist lieblich anzuschauen, Vorzüglich aber schön die Welt der Dichter; Auf bunten, hellen oder silbergrauen Gefilden, Tag und Nacht, erglänzen Lichter. Heut ist mir alles herrlich; wenns nur bliebe! Ich sehe heut durchs Augenglas der Liebe.
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Komm, Liebchen, komm! umwinde mir die Mütze! Aus deiner Hand nur ist der Tulbend schön. Hat Abbas doch, auf Irans höchstem Sitze, Sein Haupt nicht zierlicher umwinden sehn! Ein Tulbend war das Band, das Alexandern In Schleifen schön vom Haupte fiel Und allen Folgeherrschern, jenen andern, Als Königszierde wohlgefiel. Ein Tulbend ists, der unsern Kaiser schmücket; Sie nennens Krone. Name geht wohl hin! Juwel und Perle! sei das Aug entzücket! Der schönste Schmuck ist stets der Musselin. Und diesen hier, ganz rein und silberstreifig, Umwinde, Liebchen, um die Stirn umher. Was ist denn Hoheit? Mir ist sie geläufig! Du schaust mich an, ich bin so groß als Er.
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Hätt ich irgend wohl Bedenken, Balch, Bochara, Samarkand, Süßes Liebchen, dir zu schenken, Dieser Städte Rausch und Tand? Aber frag einmal den Kaiser, Ob er dir die Städte gibt? Er ist herrlicher und weiser; Doch er weiß nicht, wie man liebt. Herrscher, zu dergleichen Gaben Nimmermehr bestimmst du dich! Solch ein Mädchen muß man haben Und ein Bettler sein wie ich.
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Daß Suleika von Jussuph entzückt war, Ist keine Kunst; Er war jung, Jugend hat Gunst, Er war schön, sie sagen zum Entzücken, Schön war sie, konnten einander beglücken. Aber daß du, die so lange mir erharrt war, Feurige Jugendblicke mir schickst, Jetzt mich liebst, mich später beglückst, Das sollen meine Lieder preisen, Sollst mir ewig Suleika heißen.
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Da du nun Suleika heißest, Sollt ich auch benamset sein. Wenn du deinen Geliebten preisest, Hatem! das soll der Name sein. Nur daß man mich daran erkennet, Keine Anmaßung soll es sein: Wer sich Sankt-Georgenritter nennet, Denkt nicht gleich Sankt Georg zu sein. Nicht Hatem Thai, nicht der alles Gebende Kann ich in meiner Armut sein; Hatem Zograi nicht, der reichlichst Lebende Von allen Dichtern, möcht ich sein. Aber beide doch im Auge zu haben, Es wird nicht ganz verwerflich sein: Zu nehmen, zu geben des Glückes Gaben, Wird immer ein groß Vergnügen sein. Sich liebend aneinander zu laben, Wird Paradieses Wonne sein.
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SCHLECHTER TROST
Mitternachts weint und schluchzt ich, Weil ich dein entbehrte. Da kamen Nachtgespenster, Und ich schämte mich. Nachtgespenster, sagt ich, Schluchzend und weinend Findet ihr mich, dem ihr sonst Schlafendem vorüberzogt. Große Güter vermiß ich. Denkt nicht schlimmer von mir, Den ihr sonst weise nanntet; Großes Übel betrifft ihn!- Und die Nachtgespenster Mit langen Gesichtern Zogen vorbei, Ob ich weise oder törig, Völlig unbekümmert.
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GRUSS
O wie selig ward mir! Im Lande wandl ich, Wo Hudhud über den Weg läuft. Des alten Meeres Muscheln, Im Stein suche ich die versteinerten; Hudhud lief einher, Die Krone entfaltend, Stolzierte, neckischer Art, Über das Tote scherzend, Der Lebendge. Hudhud, sagt ich, fürwahr! Ein schöner Vogel bist du. Eile doch, Wiedehopf! Eile, der Geliebten Zu verkünden, daß ich ihr Ewig angehöre. Hast du doch auch Zwischen Salomo Und Sabas Königin Ehemals den Kuppler gemacht.
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AN SULEIKA
Dir mit Wohlgeruch zu kosen, Deine Freuden zu erhöhn, Knospend müssen tausend Rosen Erst in Gluten untergehn. Um ein Fläschchen zu besitzen, Das den Ruch auf ewig hält, Schlank wie deine Fingerspitzen, Da bedarf es einer Welt; Einer Welt von Lebenstrieben, Die, in ihrer Fülle Drang, Ahndeten schon Bulbuls Lieben, Seelerregenden Gesang. Sollte jene Qual uns quälen, Da sie unsre Lust vermehrt? Hat nicht Myriaden Seelen Timurs Herrschaft aufgezehrt?
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VERSUNKEN
Voll Locken kraus ein Haupt so rund! - Und darf ich dann in solchen reichen Haaren Mit vollen Händen hin und wider fahren, Da fühl ich mich von Herzensgrund gesund. Und küß ich Stirne, Bogen, Auge, Mund, Dann bin ich frisch und immer wieder wund. Der fünfgezackte Kamm, wo sollt er stocken? Er kehrt schon wieder zu den Locken. Das Ohr versagt sich nicht dem Spiel, Hier ist nicht Fleisch, hier ist nicht Haut, So zart zum Scherz, so liebeviel! Doch wie man auf dem Köpfchen kraut, Man wird in solchen reichen Haaren Für ewig auf und nieder fahren. So hast du, Hafis, auch getan, Wir fangen es von vornen an.
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GENÜGSAM
»Wie irrig wähnest du, Aus Liebe gehöre das Mädchen dir zu. Das könnte mich nun garnicht freuen, Sie versteht sich auf Schmeicheleien.« DICHTER. Ich bin zufrieden, daß ichs habe! Mir diene zur Entschuldigung: Liebe ist freiwillige Gabe, Schmeichelei Huldigung.
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HATEM
Nicht Gelegenheit macht Diebe, Sie ist selbst der größte Dieb; Denn sie stahl den Rest der Liebe, Die mir noch im Herzen blieb. Dir hat sie ihn übergeben, Meines Lebens Vollgewinn, Daß ich nun, verarmt, mein Leben Nur von dir gewärtig bin. Doch ich fühle schon Erbarmen Im Karfunkel deines Blicks Und erfreu in deinen Armen Mich erneuerten Geschicks.
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SULEIKA. Als ich auf dem Euphrat schiffte, Streifte sich der goldne Ring Fingerab in Wasserklüfte, Den ich jüngst von dir empfing. Also träumt ich Morgenröte Blitzt ins Auge durch den Baum. Sag, Poete, sag, Prophete! Was bedeutet dieser Traum? HATEM. Dies zu deuten bin erbötig! Hab ich dir nicht oft erzählt, Wie der Doge von Venedig Mit dem Meere sich vermählt? So von deinen Fingergliedern Fiel der Ring dem Euphrat zu. Ach, zu tausend Himmelsliedern, Süßer Traum, begeisterst du! Mich, der von den Indostanen Streifte bis Damaskus hin, Um mit neuen Karawanen Bis ans Rote Meer zu ziehn, Mich vermählst du deinem Flusse, Der Terrasse, diesem Hain; Hier soll bis zum letzten Kusse Dir mein Geist gewidmet sein.
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Die schön geschriebenen, Herrlich umgüldeten Belächeltest du, Die anmaßlichen Blätter; Verziehst mein Prahlen Von deiner Lieb und meinem Durch dich glücklichen Gelingen, Verziehst anmutigem Selbstlob. Selbstlob! Nur dem Neide stinkts, Wohlgeruch Freunden Und eignem Schmack! Freude des Daseins ist groß, Größer die Freud am Dasein. Wenn du, Suleika, Mich überschwenglich beglückst, Deine Leidenschaft mir zuwirfst, Als wärs ein Ball, Daß ich ihn fange, Dir zurückwerfe Mein gewidmetes Ich- Das ist ein Augenblick! Und dann reißt mich von dir Bald der Franke, bald der Armenier. Aber Tage währts, Jahre dauerts, daß ich neu erschaffe Tausendfältig deiner Verschwendungen Fülle, Aufdrösle die bunte Schnur meines Glücks, Geklöppelt tausendfadig Von dir, o Suleika! Hier nun dagegen Dichtrische Perlen, Die mir deiner Leidenschaft Gewaltige Brandung Warf an des Lebens Verödeten Strand aus. Mit spitzen Fingern Zierlich gelesen, Durchreiht mit juwelenem Goldschmuck, Nimm sie an deinen Hals, An deinen Busen! Die Regentropfen Allahs, Gereift in bescheidener Muschel.
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SULEIKA. Sag, du hast wohl viel gedichtet, Hin und her dein Lied gerichtet, Schöne Schrift von deiner Hand, Prachtgebunden, goldgerändet, Bis auf Punkt und Strich vollendet, Zierlich lockend, manchen Band? Stets, wo du sie hingewendet, Wars gewiß ein Liebespfand? HATEM. Ja, von mächtig holden Blicken, Wie von lächelndem Entzücken Und von Zähnen blendend klar, Wimpern-Pfeilen, Locken-Schlangen, Hals und Busen reizumhangen, Tausendfältige Gefahr! Denke nun, wie von so langem Prophezeit Suleika war. SULEIKA. Die Sonne kommt! Ein Prachterscheinen! Der Sichelmond umklammert sie. Wer konnte solch ein Paar vereinen? Dies Rätsel, wie erklärt sichs? wie? HATEM. Der Sultan konnt es, er vermählte Das allerhöchste Weltenpaar, Um zu bezeichnen Auserwählte, Die Tapfersten der treuen Schar. Auch sei's ein Bild von unsrer Wonne! Schon seh, ich wieder mich und dich: Du nennst mich, Liebchen, deine Sonne, Komm, süßer Mond, umklammre mich! SULEIKA. An des lustigen Brunnens Rand, Der in Wasserfäden spielt, Wußt ich nicht, was fest mich hielt; Doch da war von deiner Hand Meine Chiffer leis gezogen, Niederblickt ich, dir gewogen. Hier, am Ende des Kanals Der gereihten Hauptallee, Blick ich wieder in die Höh, Und da seh ich abermals Meine Lettern fein gezogen: Bleibe! bleibe mir gewogen! HATEM. Möge Wasser, springend, wallend Die Zypressen dir gestehn: Von Suleika zu Suleika Ist mein Kommen und mein Gehn.
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WIEDERFINDEN
Ist es möglich! Stern der Sterne, Drück ich wieder dich ans Herz! Ach, was ist die Nacht der Ferne Für ein Abgrund, für ein Schmerz! Ja, du bist es, meiner Freuden Süßer, lieber Widerpart; Eingedenk vergangner Leiden, Schaudr ich vor der Gegenwart. Als die Welt im tiefsten Grunde Lag an Gottes ewger Brust, Ordnet' er die erste Stunde Mit erhabner Schöpfungslust, Und er sprach das Wort: Es werde! Da erklang ein schmerzlich Ach! Als das All mit Machtgebärde In die Wirklichkeiten brach. Auf tat sich das Licht: so trennte Scheu sich Finsternis von ihm, Und sogleich die Elemente Scheidend auseinanderfliehn. Rasch, in wilden, wüsten Träumen Jedes nach der Weite rang, Starr, in ungemeßnen Räumen, Ohne Sehnsucht, ohne Klang. Stumm war alles, still und öde, Einsam Gott zum erstenmal! Da erschuf er Morgenröte, Die erbarmte sich der Qual; Sie entwickelte dem Trüben Ein erklingend Farbenspiel, Und nun konnte wieder lieben, Was erst auseinanderfiel. Und mit eiligem Bestreben Sucht sich, was sich angehört; Und zu ungemeßnem Leben Ist Gefühl und Blick gekehrt. Sei's Ergreifen, sei es Raffen, Wenn es nur sich faßt und hält! Allah braucht nicht mehr zu schaffen, Wir erschaffen seine Welt. So, mit morgenroten Flügeln, Riß es mich an deinen Mund, Und die Nacht mit tausend Siegeln Kräftigt sternenhell den Bund. Beide sind wir auf der Erde Musterhaft in Freud und Qual, Und ein zweites Wort: Es werde! Trennt uns nicht zum zweitenmal.
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An vollen Büschelzweigen, Geliebte, sieh nur hin! Laß dir die Früchte zeigen, Umschalet stachlig grün. Sie hängen längst geballet, Still, unbekannt mit sich; Ein Ast, der schaukelnd wallet, Wiegt sie geduldiglich. Doch immer reift von innen Und schwillt der braune Kern, Er möchte Luft gewinnen Und säh die Sonne gern. Die Schale platzt, und nieder Macht er sich freudig los; So fallen meine Lieder Gehäuft in deinen Schoß.
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Lieb um Liebe, Stund um Stunde, Wort um Wort und Blick um Blick; Kuß um Kuß vom treusten Munde, Hauch um Hauch und Glück um Glück. So am Abend, so am Morgen! Doch du fühlst an meinen Liedern Immer noch geheime Sorgen; Jussuphs Reize möcht ich borgen, Deine Schönheit zu erwidern.
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Deinem Blick mich zu bequemen, Deinem Munde, deiner Brust, Deine Stimme zu vernehmen, War die letzt und erste Lust. Gestern, ach, war sie die letzte, Dann verlosch mir Leucht und Feuer; Jeder Scherz, der mich ergetzte, Wird nun schuldenschwer und teuer. Eh es Allah nicht gefällt, Uns aufs neue zu vereinen, Gibt mir Sonne, Mond und Welt Nur Gelegenheit zum Weinen.
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HATEM
Locken, haltet mich gefangen In dem Kreise des Gesichts! Euch geliebten, braunen Schlangen Zu erwidern hab ich nichts. Nur dies Herz, es ist von Dauer, Schwillt in jugendlichstem Flor; Unter Schnee und Nebelschauer Rast ein Ätna dir hervor. Du beschämst wie Morgenröte Jener Gipfel ernste Wand, Und noch einmal fühlet Hatem Frühlingshauch und Sommerbrand. Schenke her? Noch eine Flasche! Diesen Becher bring ich ihr! Findet sie ein Häufchen Asche, Sagt sie: Der verbrannte mir.
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ABGLANZ
Ein Spiegel, er ist mir geworden, Ich sehe so gerne hinein, Als hinge des Kaisers Orden An mir mit Doppelschein; Nicht etwa selbstgefällig Such ich mich überall; Ich bin so gerne gesellig, Und das ist hier der Fall. Wenn ich nun vorm Spiegel stehe Im stillen Witwerhaus, Gleich guckt, eh ich mich versehe, Das Liebchen mit heraus. Schnell kehr ich mich um, und wieder Verschwand sie, die ich sah; Dann blick ich in meine Lieder, Gleich ist sie wieder da. Die schreib ich immer schöner Und mehr nach meinem Sinn, Trotz Krittler und Verhöhner, Zu täglichem Gewinn. Ihr Bild in reinen Schranken Verherrlichet sich nur, In goldnen Rosenranken Und Rähmchen von Lasur.
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Laß deinen süßen Rubinenmund Zudringlichkeiten nicht verfluchen; Was hat Liebesschmerz andern Grund, Als seine Heilung zu suchen?
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Behramgur, sagt man, hat den Reim erfunden, Er sprach entzückt aus reiner Seele Drang; Dilaram schnell, die Freundin seiner Stunden, Erwiderte mit gleichem Wort und Klang. Und so, Geliebte, warst du mir beschieden, Des Reims zu finden holden Lustgebrauch, Daß auch Behramgur ich, den Sassaniden, Nicht mehr beneiden darf: mir ward es auch. Hast mir dies Buch geweckt, du hasts gegeben; Denn was ich froh, aus vollem Herzen sprach, Das klang zurück aus deinem holden Leben, Wie Blick dem Blick, so Reim dem Reime nach. Nun tön es fort zu dir, auch aus der Ferne, Das Wort erreicht, und schwände Ton und Schall. Ists nicht der Mantel noch gesäter Sterne? Ists nicht der Liebe hochverklärtes All?
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Ja, die Augen warens, ja, der Mund, Die mir blickten, die mich küßten. Hüfte schmal, der Leib so rund, Wie zu Paradieses Lüsten. War sie da? Wo ist sie hin? Ja! sie wars, sie hats gegeben, Hat gegeben sich im Fliehn Und gefesselt all mein Leben.
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Liebchen, ach! im starren Bande Zwängen sich die freien Lieder, Die im reinen Himmelslande Munter flogen hin und wider. Allem ist die Zeit verderblich, Sie erhalten sich allein! Jede Zeile soll unsterblich, Ewig wie die Liebe sein.
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SULEIKA
Kenne wohl der Männer Blicke, Einer sagt: "Ich liebe, leide! Ich begehre, ja verzweifle!" Und was sonst ist, kennt ein Mädchen. Alles das kann mir nicht helfen, Alles das kann mich nicht rühren; Aber, Hatem, deine Blicke Geben erst dem Tage Glanz. Denn sie sagen: "Die gefällt mir, Wie mir sonst nichts mag gefallen, Seh ich Rosen, seh ich Lilien, Aller Gärten Zier und Ehre, So Zypressen, Myrten, Veilchen, Aufgeregt zum Schmuck der Erde, Und geschmückt ist sie ein Wunder, Mit Erstaunen uns umfangend, Uns erquickend, heilend, segnend, Daß wir uns gesunder fühlen, Wieder gern erkranken möchten". Da erblicktest du Suleika Und gesundetest erkrankend Und erkranketest gesundend, Lächeltest und sahst herüber, Wie du nie der Welt gelächelt. Und Suleika fühlt des Blickes Ewge Rede: "Die gefällt mir, Wie mir sonst nichts mag gefallen".
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VORSCHMACK
Der echte Moslem spricht vom Paradiese, Als wenn er selbst allda gewesen wäre, Er glaubt dem Koran, wie es der verhieße, Hierauf begründet sich die reine Lehre. Doch der Prophet, Verfasser jenes Buches, Weiß unsre Mängel droben auszuwittern Und sieht, daß trotz dem Donner seines Fluches Die Zweifel oft den Glauben uns verbittern. Deshalb entsendet er den ewgen Räumen Ein Jugendmuster, alles zu verjüngen; Sie schwebt heran und fesselt ohne Säumen Um meinen Hals die allerliebsten Schlingen. Auf meinen Schoß, an meinem Herzen halt ich Das Himmelswesen, mag nichts weiter wissen; Und glaube nun ans Paradies gewaltig, Denn ewig möcht ich sie so treulich küssen.

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DEM AUFGEHENDEN VOLMONDE
Dornburg, 25. August 1828
Willst du mich sogleich verlassen? Warst im Augenblick so nah! Dich umfinstern Wolkenmassen, und nun bist du gar nicht da. Doch du fühlst, wie ich betrübt bin, blickt dein Rand herauf als Stern! Zeugest mir, daß ich geliebt bin, sei das Liebchen noch so fern. So hinan dann! Hell und heller, reiner Bahn, in voller Pracht! Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller, überselig ist die Nacht.
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AN DEN WESTWIND *
Ach, um Deine feuchten Schwingen, West, wie sehr ich Dich beneide: Denn Du kannst ihm Kunde bringen Was ich in der Trennung leide! Die Bewegung Deiner Flügel Weckt im Busen stilles Sehnen; Blumen, Wald und Hügel Stehn bei Deinem Hauch in Tränen. Doch Dein mildes sanftes Wehen Kühlt die wunden Augenlider; Ach, für Leid müßt' ich vergehen, Hofft' ich nicht zu sehn ihn wieder. Eile denn zu meinem Lieben, Spreche sanft zu seinem Herzen; Doch vermeid' ihn zu betrüben Und verbirg ihm meine Schmerzen. Sag ihm, aber sag's bescheiden: Seine Liebe sei mein Leben, Freudiges Gefühl von beiden Wird mir seine Nähe geben.
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AN DEN OSTWIND *
Was bedeutet die Bewegung Bringt der Ostwind frohe Kunde? Seiner Schwingen frische Regung Kühlt des Herzens tiefe Wunde. Kosend spielt er mit dem Staube, Jagt ihn auf in leichten Wölkchen, Treibt zur sichern Rebenlaube Der Insekten frohes Völkchen. Lindert sanft der Sonne Glühen, Kühlt auch mir die heißen Wangen, Küßt die Reben noch im Fliehen Die auf Feld und Hügel prangen. Und mich soll sein leises Flüstern Von dem Freunde lieblich grüßen, Eh noch diese Hügel düstern Sitz ich still zu seinen Füßen. Und Du magst nun weiter ziehen, Diene Frohen und Betrübten, Dort wo hohe Mauern glühen Finde ich den Vielgeliebten. Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben Wird mir nur aus seinem Munde, Kann mir nur sein Athem geben.


Aus West-östlicher Divan - Buch Suleika *


Johann Wolfgang Goethe  
(°1749 †1832)

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* Das "Buch Suleika" ist das wichtigste der zwölf Bücher
der Gedichtesammlung "West-Östlicher Divan".
Marianne von Willemer 'war' Suleika und hat selbst Gedichte,
darunter die Lieder an den Ostwind und den Westwind,
zu der Sammlung beigetragen.

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J.W. Goethe - Buch Suleika


J.W. Goethe - Liebesgedichte


J.W. Goethe - An Friederike Brion


J.W. Goethe - An Charlotte von Stein


J.W. Goethe - An Christiane Vulpius


J.W. Goethe - Marienbader Elegie


J.W. Goethe - Ginkgo biloba


J.W. Goethe - Höheres und Höchstens


J.W. Goethe - Der Erlkönig


Marianne Jung - Gedichte


Liebesgedichte auf Deutsch



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© Gaston D'Haese: 11-03-2005.
Update: 20-01-2016.