J. W. Goethe
An Christiane Vulpius


Obwohl sie nur eine einfache Blumenbinderin war,
lebten Goethe und Christiane bis zu deren Tod 
im Jahr 1814 zusammen.


Frauen um Goethe hat es viele gegeben, aber
nur zu einer fühlte er sich so hingezogen, daß
sie ihn über fast drei Jahrzehnte hinweg halten
konnte: Christiane Vulpius (°1765; †1816).
Gedichte wie "Frech und froh", "Morgenklagen"
und "Gefunden" deuten an, wie glücklich
Goethe war.

Frech und froh
Liebesqual verschmäht mein Herz, Sanften Jammer, süßen Schmerz; Nur vom Tücht'gen will ich wissen, Heißem Äuglein, derben Küssen. Sei ein armer Hund erfrischt Von der Lust, mit Pein gemischt! Mädchen, gib der frischen Brust Nichts von Pein, und alle Lust.

Morgenklagen
O du loses, leidigliebes Mädchen, Sag mir an, womit hab ich's verschuldet, Daß du mich auf diese Folter spannest, Daß du dein gegeben Wort gebrochen? Drucktest doch so freundlich gestern abend Mir die Hände, lispeltest so lieblich: "Ja, ich komme, komme gegen Morgen Ganz gewiß, mein Freund, auf deine Stube." Angelehnet ließ ich meine Türe, Hatte wohl die Angeln erst geprüfet Und mich recht gefreut, daß sie nicht knarrten. Welche Nacht des Wartens ist vergangen! Wacht' ich doch und zählte jedes Viertel: Schlief ich ein auf wenig Augenblicke, War mein Herz beständig wach geblieben, Weckte mich von meinem leisen Schlummer. Ja, da segnet' ich die Finsternisse, Die so ruhig alles überdeckten, Freute mich der allgemeinen Stille, Horchte lauschend immer in die Stille, Ob sich nicht ein Laut bewegen möchte. "Hätte sie Gedanken, wie ich denke, Hätte sie Gefühl, wie ich empfinde, Würde sie den Morgen nicht erwarten, Würde schon in dieser Stunde kommen." Hüpft' ein Kätzchen oben übern Boden, Knisterte das Mäuschen in der Ecke, Regte sich, ich weiß nicht was, im Hause, Immer hofft ich, deinen Schritt zu hören, Immer glaubt ich, deinen Tritt zu hören. Und so lag ich lang' und immer länger, Und es fing der Tag schon an zu grauen, Und es rauschte hier und rauschte dorten. "Ist es ihre Türe? Wär's die meine!" Saß ich aufgestemmt in meinem Bette, Schaute nach der halb erhellten Türe, Ob sie nicht sich wohl bewegen möchte. Angelehnet blieben beide Flügel Auf den leisen Angeln ruhig hangen. Und der Tag ward immer hell' und heller; Hört ich schon des Nachbars Türe gehen, Der das Taglohn zu gewinnen eilet, Hört ich bald darauf die Wagen rasseln, War das Tor der Stadt nun auch eröffnet, Und es regte sich der ganze Plunder Des bewegten Marktes durcheinander. Ward nun in dem Haus ein Geh'n und Kommen Auf und ab die Stiegen, hin und wieder Knarrten Türen, klapperten die Tritte; Und ich konnte, wie vom schönen Leben, Mich noch nicht von meiner Hoffnung scheiden. Endlich, als die ganz verhaßte Sonne Meine Fenster traf und meine Wände, Sprang ich auf und eilte nach dem Garten, Meinen heißen, sehnsuchtsvollen Atem Mit der kühlen Morgenluft zu mischen, Dir vielleicht im Garten zu begegnen: Und nun bist du weder in der Laube Noch im hohen Lindengang zu finden.

Gefunden
Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn. Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön. Ich wollt es brechen, Da sagt es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen sein? Ich grub's mit allen Den Würzlein aus. Zum Garten trug ich's Am hübschen Haus. Und pflanzt es wieder Am stillen Ort; Nun zweigt es immer Und blüht so fort.


Das Blümlein am Wegesrand ist ein Bild
für die Geliebte (Christiane Vulpius).

Johann Wolfgang Goethe
(1749 - 1832)


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