Sidonie Grünwald-Zerkowitz

Der Kuß (1907-8)
Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm
Österreichische Galerie im Belvedere, Wien
Gustav Klimt (1862 - 1918) - Der Kuß

Ist das Hemd mir zerrissen

 
Mitten, mitten im Küssen
Ist das Hemd mir zerrissen,
Ob auch der Gurt nicht hat wollen
Mir von den Lenden rollen ...
 
Das Hemd mit dem großen Risse,
Der einließ mir Deine Küsse,
- Zeuge von meinem Schenken -
Bewahr' ich als Angedenken;
 
Bewahr' es zum Angedenken
An das heilige erste - Michschenken ...
An die reiche, die selige Stunde
An Deinem Herzen und Munde.
 
Nicht soll es am Leib mir mehr hangen,
Wird er von Dir nicht umfangen!
Das Hemd mit dem Riß ich verwahre -
Man lege mir's an auf der Bahre!
 
Daß, sollt' ein Grab mich umgeben,
Wo Du nicht ruhst daneben,
Mich umweh', wo das Hemd zerrissen,
Die Spur von Deinen - Küssen!


Den Kuß auf morgen nicht verschieb'


Den Kuß auf morgen nicht verschieb'!
Küß mir ihn auf der Stelle!
Gepflückt vom Strauch, gepflückt von Lieb'
Muß werden schnelle, schnelle!
 
Denn weg vom Strauch die Blum' verweht;
Drum pflücke sie im Blühen,
Und nach dem Kuß die Lust vergeht -
Drum küß mich rasch im Glühen!


Der Herbst, der war mir lieber

 
Der Herbst, der war mir lieber
Als dieser Lenz mir ist!
Das Herz ging so uns über,
Daß wir uns wund geküßt!
 
Auf jedem stillen Steige
Blieben wir küssend stehn -
Strich Herbst auch durch die Zweige,
Durchs Herz ging Frühlingswehn! -
 
Wir wanderten umschlungen
Durch Auen im Mondenschein
Und hatten im Herbst gedungen
Den Mai - für uns allein! ....



Der Kuß


Dein Kuß allein will mir nicht genügen!
Ein Kuß nicht mein Begehren stillt!
Trankst Du ihn je in vollen Zügen
Und empfandst noch nicht, was aus ihm quillt?
 
Ein Kuß - ein Blitz unter Sturmes Toben -
Ein süß Gewittern der Sinnenflut
Im tiefsten Mark, das nach unten, nach oben
Das Sein im Zickzack durchrast mit Glut.
 
Gewitter, das nicht sich löset in Regen ...
In den Wolken bleibt und wühlend drin schwebt ...
Und wetterleuchtend auf allen Wegen
Mit peinvollen Schauern uns durchbebt ...


Der Liebe Kurzlebigkeit


Wie sehn' ich mir den Lenz herbei
Auf Berge, in die Thäler!
Die Liebe stiehlt die Küsse frei,
Ist Maiengrün ihr Hehler!
 
Dann werden Arm in Arm wir gehn
Hin in die grünen Auen,
Wo stille Gänseblümchen stehn,
Die stumm auf Küsse schauen! -
 
Wir küssen leise dann und laut
Dort bei den grünen Saaten,
Die Lerche, die es hört und schaut,
Die wird uns nicht verraten!
 
Dein Haupt mir in den Schoß dann fällt,
Am Raine dort, am grünen,
Es läßt das blaue Himmelszelt
Herunter die Gardinen ...
  
Indessen seh' ich zu, wie's schneit,
Erhoffend Frühlingsweben;
... Doch wird die goldne Frühlingszeit
Dein Lieben wohl - erleben?


Die politische Gesinnung des Kusses


Da jüngst hat es den Kuß getrieben
Zu eines Munds Korallenthor,
Der ihn mit manchem reizvoll lieben
Wort neckend, süß zu sich beschwor.
 
Schon hofft der Kuß, es möcht' begegnen
Der Mund ihm hold im Liebesdrang ...
Da wehrte plötzlich dem Verwegnen
Der Mund voll Hochmut den Empfang.
 
- Vorerst mußt Du genau erweisen
Mir deine Herkunft, stürmisch Kind,
Ob Du entstammst Plebejerkreisen,
Ob Deiner Ahnen - sechzehn sind!
 
Bist du Franzose? - Russe? Britte?
Bist - Jude Du, bist Du nicht Christ?
Noch Eins: (wärst Du aus unsrer Mitte)
Bist - Deutscher Du oder Panslavist?
 
Denn ich empfange selbst an Küssen
Nur gleichgesinnte Haute-volée!
Das solltest Du ja selber wissen,
Bist Kuß Du nicht ein Roturier!


Darauf der Kuß


- Ein Kind bin ich der Liebesflamme,
Die jedes Herz mit Demut nennt,
Die Hohe doch, von der ich stamme,
Die »Unterschiede« da nicht kennt!
 
Sie züngelt über jede Mauer,
Die Welten Haders Gegenstand! -
Fühlst nicht Du selbst mit Wonneschauer,
Wie nichts ihr leistet Widerstand? ...
 
Drum, fühlst Du wie ich, Funke, schnelle
Dir auf die Lippen süß will sprühn,
Empfang' mich anders an der Schwelle!
Ein Narr, wer frägt: wo Rosen blühn!


Ich hätt' an Dich eine Bitt'


Ich hätt' an Dich eine Bitt' ... eine Bitt',
Einen Wunsch, der noch übrig mir bliebe:
O bring' mir mit, bring' Küsse mir mit,
Wie sie küßt die treue Liebe!
 
Und gieb sie mir dort, wo der Mond nur sie schaut,
Dort an des Waldes Saume,
Wo unsre Liebe sich ihm hat vertraut
Einst unterm Kastanienbaume! ...
 
Und noch eine Bitte, noch eine Bitt'
Hätt' ich neben der Einen:
Bring' Deine Küsse alle mir mit!
In der Fremde - laß ihrer keinen!


Ich wünsch' den Kuß und - küß Dich nicht!


Deinem Kuß möcht' dar ich bringen
Mehr ... viel mehr als nur den Mund ...
Ließe tief in mich ihn dringen
Wie den Sonnenstrahl der Grund ...
 
Wie der Grund das glühnde Weben,
Das in seinen Schoß sich gießt ...
Dem aus diesem Kusse Leben,
Blühen segensreich entsprießt ...
 
Dieser Beiden Liebesthaten,
Daß sich eins dem andern leiht,
Jede Blume darf's verraten,
Jeder Traube Süßigkeit; -
 
... Unser Kuß, er gilt als Sünde
Und Dein Mund, der küßt, er - spricht ...
Drum - wie sich dies Herz auch winde -
Wünsch' ich ihn und - küß Dich nicht.


Schmetterlings Küssen


Es sagte dort die Blum' im Grunde,
Die erst der Schmetterling hat heiß geküßt,
Er küßte sie, weil - süß das Küssen,
Und daß sein Küssen niemals Liebe ist.
 
Sagt', daß er, taumelnd noch vom Rausche,
Froh flattert zu der zweiten Blume hin,
So lange Küsse - Blumen - tauschend,
Als ihn sein Flügel trägt und Blumen blühn.
 
- Sprich, ist es so, wie's sagt die Blume?
War dein Kuß: Schmetterlinges Kuß, ohn' - Lieb?
... Die Blume küßt noch manchen Zweiten ...;
Doch mir - die Seele an Dir hangen blieb!


Wie ich von Dir träume


Guten Morgen! Dein war, Lieb, die Nacht!
Ich hab' im Traum mit Dir sie verbracht.
Noch hab' ich keinen Tag gesehn
Wie diesen Traum, so himmlisch, so schön!
Ach, daß eine Stunde schlagen mir möchte,
Die solche Wonne wirklich mir brächte!
 
Der Lenz hat über den Thalesgrund
Einen Teppich gebreitet aus Blumen bunt
Und sandte nach uns den Sonnenschein,
Sandt' aus mit Sang die Vögelein,
Das Heer der zirpenden Cicaden
Unsere Liebe zur Flur zu laden.
 
Wir zogen Hand in Hand hinaus
Ins offne große Gotteshaus;
Und als die Vögel ich gewahrt,
In holder Freiheit traut gepaart,
Die Blumen sah den Kelch erschließen
Dem Blüthenstaub, sich drein zu gießen:
 
Da zog es zu Dir mich auf den Grund -
Und nahe rückte Mund an Mund
Und immer näher ... wie war das süß!
Geschah's, weil das Denken mich verließ? ...
Der Gürtel war entzwei mir gerissen
Und mir kam der Mut: Dich zu küssen ... zu küssen!


Wann


So lang', seit ich Dich nicht gesehen!
So lang', seit ich Dich nicht geküßt,
Daß ich indessen vergessen konnte,
Wie süß Dein Kuß, wie süß Du bist!
 
... Ist nicht Dein Herz im Waldesfrieden
Der tiefe, frische, klare Quell,
Drein ich so gern die Seele tauche,
Weil ich mein Bild drin seh' so hell?
 
... Ist Deine Stimme nicht Gezwitscher
Der Vögel in des Frühlings Chor?
Trägt ins Gemüt sie mir den Lenz nicht?
Berauscht ihr Klang nicht Herz und Ohr?
 
Vergaß ich's? ... Gleichst Du nicht dem Himmel,
Dem blauen, wenn mich Dein Arm umfängt
Und wie der Abendstern am Himmel
Mein Sein im Kuß an Deinem hängt?
 
Und gleicht der Kuß ... - Dein Kuß und gleichen?! -
Ihn merkt' ich mir, der ohn' Vergleich!
Der schließt der Seele zu die Augen
Und schwebt mir ihr ins Himmelreich!
 
Dem Kuß gilt eine letzte Frage,
Weil ich ihn nicht vergessen kann:
- Wann tritt mit meiner Seele wieder
Die ... Fahrt er nach dem Himmel an?


Wozu zwei Augen mir und ein Mund


Süß ist es in der Dämmerstund'
Zu feiern von Tagwerks Lasten,
Wie der Sommertag, der Blumen bunt
Geküßt, geht abends rasten.
 
Doch haben zwei Augen und ein Mund
Erst kaum das Süße erfahren,
Den allersüßesten, hehren Grund,
Weshalb sie erschaffen waren, -
 
Und, kaum zur Thätigkeit gelangt,
Schon feiern, schon feiern, ach, müssen, -
Dich sieht nicht das Aug', das nach Dir verlangt,
Du fern dem Mund, der möcht' küssen:
 
Wie müßig ist solche Feierstund'
Und welche Qual, das zu wissen!
... Wozu zwei Augen mir und ein Mund
Da ich sehn Dich nicht kann, nicht küssen?


 Sidonie Grünwald-Zerkowitz
(1852 Tobitschau, Mähren - 1907 Karlsbad, Böhmen)



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