Johann Georg Jacobi

Der Kuß (1907/08) 
Öl auf Leinwand, 180 x180 cm
Österreichische Galerie Belvedere, Wien
Gustav Klimt (1862 - 1918) - Der Kuß


Der erste Kuß


Leiser nannt' ich deinen Namen
Und mein Auge warb um dich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beider Herzen sich.

Und du nanntest meinen Namen;
Hoffen ließ dein Auge mich:
Liebe Chloe! näher kamen
Unser beider Lippen sich.

O! es war ein süßes Neigen;
Bis wir endlich, Mund an Mund,
Fest uns hielten, ohne Zeugen:
Und geschlossen war der Bund.


An Chloë


Wenn die Lieb' aus deinen blauen,
hellen, offnen Augen sieht,
und vor Lust hinein zu schauen
mir's im Herzen klopft und glüht;
     
und ich halte dich und küße
deine Rosenwangen warm,
liebes Mädchen, und ich schließe
zitternd dich in meinem Arm,
     
Mädchen, Mädchen, und ich drücke
dich an meinen Busen fest,
der im letzten Augenblicke
sterbend nur dich von sich läßt;
     
den berauschten Blick umschattet
eine düstre Wolke mir,
und ich sitze dann ermattet,
aber selig neben dir.


An Chloen


Bei der Liebe reinsten Flammen 
Glänzt das arme Hüttendach: 
Liebchen! ewig nun beisammen! 
Liebchen! träumend oder wach! 

Süßes, zärtliches Umfangen, 
Wenn der Tag am Himmel graut; 
Heimlich klopfendes Verlangen, 
Wenn der Abend niedertaut! 

Und wir teilen alle Freuden, 
Sonn' und Mond und Sternenglanz; 
Allen Segen, alles Leiden, 
Arbeit und Gebet und Tanz. 

So, bei reiner Liebe Flammen, 
Endet sich der schöne Lauf; 
Ruhig schweben wir zusammen, 
Liebchen, Liebchen! himmelauf. 


Leiser nannt' ich deinen Namen


Leiser nannt' ich deinen Namen;
Und mein Auge warb um dich:
Liebe Chloe! Näher kamen
Unser beider Herzen sich.
     
O, es war ein süßes Neigen;
Bis wir endlich, Mund an Mund,
Fest uns hielten, ohne Zeugen -
Und geschlossen war der Bund!
Bis wir endlich fest uns hielten,
Und geschlossen war der Bund.


Abend


Komm, Liebchen, es neigen
Die Wälder sich dir;
Und alles mit Schweigen
Erwartet dich hier. 

Der Himmel, ich bitte,
Von Wölkchen wie leer!
Der Mond in der Mitte,
Die Sternlein umher! 

Der Himmel im glatten
Umdämmerten Quell!
Dies Plätzchen im Schatten,
Dies andre so hell! 

Im Schatten, der Liebe
Dich lockendes Glück,
Dir flüsternd: es bliebe
Noch vieles zurück. 

Es blieben der süßen
Geheimnisse viel;
So festes Umschließen;
So wonniges Spiel! 

Da rauscht es! Da wanken
Auf jeglichem Baum
Die Äste, da schwanken
Die Vögel im Traum. 

Dies Wanken, dies Zittern
Der Blätter im Teich -
O Liebe, dein Wittern!
O Liebe, dein Reich!


An die Liebe


Von dir, o Liebe, nehm ich an
Den Kelch der bittern Leiden;
Nur einen Tropfen dann und wann,
Nur einen deiner Freuden! 

So wird dein Kelch, o Liebe, mir
Wie Feierbecher glänzen;
Auch unter Tränen will ich dir
Mit Rosen ihn bekränzen.


An die Rose


Rose, komm! der Frühling schwindet, 
Veilchen haben dich verkündet, 
Maienblumen starben hin; 
Öffne dich beim Lustgetöne 
Dieser Fluren; komm o schöne 
Holde Blumenkönigin ! 
Als du kamst im ersten Lenze, 
Hingen tausendfache Kränze 
Schon um Anger, Berg und Tal; 
Ufer lockten, Wälder blühten, 
Pomeranzen-Haine glühten 
Weit umher im Sonnenstrahl. 

Und du gingst mit leisem Beben 
Aus der zarten Knosp' ins Leben; 
Erd' und Himmel neigten sich; 
Und es huldigten die Wiesen; 
Nachtigallenchöre priesen, 
Alle Nymphen liebten dich. 

Goldne Schmetterlinge schlugen 
Froh die Flügel; Winde trugen, 
Wo die Luft in Jubel war, 
Deinen Balsam; Herzen pochten 
Dir entgegen; Mädchen flochten 
Unter Perlen dich ins Haar.


Nach einem alten Liede

 
Sagt, wo sind die Veilchen hin? 
Die so freudig glänzten 
Und der Blumen Königin 
Ihren Weg bekränzten? 
Jüngling ach! Der Lenz entflieht, 
Diese Veilchen sind verblüht! 
Sagt wo sind die Rosen hin? 
Die wir singend pflückten, 
Als sich Hirt und Schäferin 
Hut und Busen schmückten? 
Mädchen ach! Der Sommer flieht, 
Jene Rosen sind verblüht! 

Führe denn zum Bächlein mich, 
Das die Veilchen tränkte; 
Das mit leisem Murmeln sich 
In die Thäler senkte. 
Luft und Sonne glühten sehr, 
Jenes Bächlein ist nicht mehr!


 Johann Georg Jacobi  (1740-1814)


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