Liebesgedichte  


Willst du dein Herz mir schenken

Willst du dein Herz mir schenken, So fang es heimlich an, Daß unser beider Denken Niemand erraten kann. Die Liebe muß bei beiden Allzeit verschwiegen sein, Drum schließ die größten Freuden In deinem Herzen ein! Behutsam sei und schweige Und traue keiner Wand, Lieb innerlich und zeige Dich außen unbekannt: Kein Argwohn mußt du geben, Verstellung nötig ist, Genug, daß du, mein Leben, Der Treu versichert bist. Begehre keine Blicke Von meiner Liebe nicht. Der Neid hat viele Tücke Auf unsern Bund gericht. Du mußt die Brust verschließen, Halt deine Neigung ein, Die Lust, die wir genießen, Muß ein Geheimnis sein. Zu frei sein, sich ergehen, Hat oft Gefahr gebracht. Man muß sich wohl verstehen, Weil ein falsch Auge wacht. Du mußt den Spruch bedenken, Den ich vorher getan: Willst du dein Herz mir schenken, So fang es heimlich an.


Unbekannte Dichter


Wenn ich ein Vöglein wär

Wenn ich ein Vöglein wär, Und auch zwei Flügel hätt Flög ich zu dir. Weils aber nicht kann sein, Bleib ich allhier. Bin ich gleich weit von dir, Bin ich doch im Traum bei dir Und red mit dir; Wenn ich erwachen tu, Bin ich allein. Es vergeht kein Stund in der Nacht, Da nicht mein Herz erwacht Und an dich denkt, Daß du mir vieltausendmal, Dein Herz geschenkt. O Liebe, kehre meinem Herzen, Das so verwaist zu brechen droht! Kehr ihm mit allen deinen Schmerzen, All deiner Qual, all deiner Not! Nach deinen heißen Tränengüssen Seht mein zu trockenes Auge sich. Denn besser ists, die Ruhe missen, Als Ruhe fühlen ohne dich.


Unbekannte Dichter

Mailied

Wie herrlich leuchtet Mir die Natur! Wie glänzet die Sonne! Wie lacht die Flur! Es dringen Blüten Aus jedem Zweig Und tausend Stimmen Aus dem Gesträuch, Und Freud und Wonne Aus jeder Brust O Erd, o Sonne! O Glück, o Lust! O Lieb, o Liebe! So golden schön, Wie Morgenwolken Auf jenen Höhn! Du segnest herrlich Das frische Feld, Im Blütendampfe Die volle Welt. O Mädchen, Mädchen, Wie lieb ich dich! Wie blickt dein Auge! Wie liebst du mich! So liebt die Lerche Gesang und Luft, Und Morgenblumen Den Himmelsduft, Wie ich dich liebe Mit warmem Blut, Die du mir Jugend Und Freud und Mut Zu neuen Liedern Und Tänzen gibst. Sei ewig glücklich, Wie du mich liebst!


Johann Wolfgang Goethe  (1749 - 1832)

Neue Liebe, neues Leben

Herz, mein Herz, was soll das geben? Was bedränget dich so sehr? Welch ein fremdes , neues Leben! Ich erkenn dich nicht mehr. Weg ist alles was du liebtest, Weg, warum du dich betrübtest, Weg dein Fleiß und deine Ruh - Ach, wie kamst du nur dazu! Fesselt dich die Jugendblüte, Diese liebliche Gestalt, Dieser Blick voll Treu und Güte Mit unendlicher Gewalt? Will ich rasch mich ihr entziehen, Mich ermannen, ihr entfliehen, Führet mich im Augenblick, Ach, mein Weg zu ihr zurück. Und an diesem Zauberfädchen, Das sich nicht zerreißen läßt, Hält das liebe lose Mädchen Mich so wider Willen fest; Muß in ihrem Zauberkreise Leben nun auf ihre Weise. Die Veränderung, ach, wie groß! Liebe! Liebe! Laß mich los!


Johann Wolfgang Goethe  (1749 - 1832)

Die schöne Nacht

Nun verlass' ich die Hütte, Meiner Liebsten Aufenthalt, Wandle mit verhülltem Schritte Durch den öden, finstern Wald: Luna bricht durch Busch und Eichen, Zephir meldet ihren Lauf, Und die Birken streun mit Neigen Ihr den süssten Weihrauch auf. Wie ergötz' ich mich im Kühlen Dieser schönen Sommernacht! O wie still ist hier zu Fülen, Was die Seele glücklich macht! Lässt sich kaum die Wonne fassen; Und doch wollt' ich, Himmel, dir Tausend solcher Nächte lassen, Gäb' mein Mädchen eine mir.


Johann Wolfgang Goethe  (1749 - 1832)

Lied

Die Liebe hat gelogen, Die Sorge lastet schwer, Betrogen, ach, betrogen Hat alles mich umher! Es rinnen heiße Tropfen Die Wange stets herab, Laß ab, laß ab zu klopfen, Laß ab, mein Herz, laß ab!


August Graf von Platen  (1796 - 1835)


DIE LORE-LEY

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl, und es dunkelt,
Und ruhig fließt der Rhein;
Der Gipfel des Berges funkelt
In Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
Dort oben wunderbar,
Ihr goldenes Geschmeide blitzet,
Sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
Und singt ein Lied dabei;
Das hat eine wundersame,
Gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
Ergreift es mit wildem Weh;
Er schaut nicht die Felsenriffe,
Er schaut nur hinauf in die Höh'.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
Am Ende Schiffer und Kahn;
Und das hat mit ihrem Singen
Die Lore-Ley getan.


Heinrich Heine  (1797 - 1856)

Liebe und Frühling

1. Dein Auge hat mein Aug erschlossen, Du sahst mich an, da ward es Tag; Mit Licht und Farbe war umflossen, Was einst im Graun der Nächte lag. Zur Freude bin ich auserkoren, Ich träum in liebtrunkner Ruh; Ich lächle gar, in Lust verloren, Der dunklen Zukunft heiter zu. Und mir gehört das Nah`und Ferne, Mir mehr, als singen kann mein Lied: Wer zählt noch da die goldnen Sterne, Wenn er den ganzen Himmel sieht. 2. Wie sich die Rebenranken schwingen In der linden Lüfte Hauch, Wie sich weiße Winden Schlingen Luftig um den Rosenstrauch. Also schmiegen sich und ranken Frühlingsselig, still und mild Meine Tag- und Nachtgedanken Um ein trautes liebes Bild. 3. Ich muß hinaus, ich muß zu dir, Ich muß es selbst dir sagen: Du bist mein Frühling, du nur mir In diesen lichten Tagen. Ich will die Rosen nicht mehr sehn, Nicht mehr die grünen Matten; Ich will nicht mehr zu Walde gehen Nach Duft und Klang und Schatten. Ich will nicht mehr der Lüfte Zug, Nicht mehr der Wellen Rauschen, Ich will nicht mehr der Vögel Flug Und ihrem Liede lauschen - Ich will hinaus, ich will zu dir, Ich will es selbst dir sagen: Du bist mein Frühling, du nur mir In diesen lichten Tagen!


Hoffmann von Fallersleben

(Fallersleben, 2 april 1798 – Corvey, 19 januari 1874)


Die Beiden

Sie trug den Becher in der Hand - Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand -, So leicht und sicher war ihr Gang, Kein Tropfen aus dem Becher sprang. So leicht und fest war seine Hand, Er ritt auf einem jungen Pferde, Und mit nachlässiger Gebärde Erzwang er, daß es zitternd stand. Jedoch, wenn er aus ihrer Hand Den leichten Becher nehmen sollte, So war es beiden allzu schwer: Denn beide bebten sie so sehr, Daß keine Hand die andre fand Und dunkler Wein am Boden rollte.


Hugo von Hofmannsthal  (1874 - 1929)

Zu solchen Stunden

Zu solchen Stunden gehn wir also hin und gehen jahrelang zu solchen Stunden, auf einmal ist ein Horchender gefunden- und alle Worte haben Sinn. Dann kommt das Schweigen, das wir lang erwarten, kommt wie die Nacht, von großen Sternen breit: zwei Menschen wachsen wie im selben Garten, und dieser Garten ist nicht in der Zeit. Und wenn die beiden gleich darauf sich trennen, beim ersten Wort ist jeder schon allein. Sie werden lächeln und sich kaum erkennen, aber sie werden beide größer sein...


R.M. Rilke  (1875 - 1926)



Nach oben!

Liefdesgedichten - Nederlands

Liefdesgedigte - Afrikaans

Love-poems - English

Poèmes d'amour - Français

Poemi d'amore - Italiano


Homepage


Pageviews since/sinds 21-03-2002: 

©  Gaston D'Haese: 19-03-2004.
Update: 08-09-2017.