Marianne Jung
Marianne Jung (Linz 1784 - Frankfurt 1860)


Marianne war das uneheliche Kind einer österreichischen Schauspielerin 
und eines holländischen Tanzlehrers. Im Jahre 1798 war sie nach Frankfurt 
gekommen, als vierzehnjähriges Mitglied einer Komödiantentruppe. 
Der Geheimrat Johann Jakob von Willemer beschloß sie als Pflegetochter 
in seine Familie aufzunehmen.
Es ist heute schwer nachzuvollziehen, was sich in jenem Sommer 1815 
zwischen Goethe und Marianne abgespielt hat. Goethe wohnte vom 12 August 
bis zum 17 September bei Willemers , sowohl auf der Gerbermühle als auch 
der Stadtwohnung der Willemers ("Zum Roten Männchen").
Am 18. September brach Goethe mit Sulpiz Boisseree wiederum nach Heidelberg 
auf. Am 23. September reiste Marianne, gemeinsam mit Johann von Willemer 
und seine Tochter Rosette, ihm nach. Zusammen erkundete man Heidelberg. 
Der Abschied am Abend des 25 September fiel schwer. Marianne wußte freilich 
noch nicht, daß er endgültig sein sollte. Von jetzt an hoffte sie alljährlich auf 
ein Wiederkommen Goethes... 
Marianne war einer hochbegabten Frau, die über 80 Gedichte, Tagebücher 
und wunderbarer Briefe hinterlassen hat.



Westwind und Ostwind.
Diese Gedichte von Marianne Jung sind hier
in ihrer originalen Fassung wiedergegeben,
ohne die Änderungen Goethes.

Westwind

Ach um deine feuchten Schwingen West wie sehr ich dich beneide, Denn du kannst ihm Kunde bringen, Was ich durch die Trennung leide. Die Bewegung deiner Flügel Weckt im Busen stilles Sehnen, Blumen, Augen, Wald und Hügel Stehn bei deinem Hauch in Tränen. Doch dein mildes sanftes Wehen Kühlt die wunden Augenlider; Ach, für Leid müßt ich vergehen, Hofft ich nicht, wir sehn uns wieder. Geh denn hin zu meinem Lieben, Spreche sanft zu seinem Herzen, Doch vermeid ihn zu betrüben Und verschweig ihm meine Schmerzen. Sag ihm nur, doch sags bescheiden, Seine Liebe sei mein Leben, Freudiges Gefühl von beiden Wird mir seine Nähe geben.


Marianne Jung hat diese Verse an den Westwind kurz nach dem Abschied
von Goethe in Heidelberg im September 1815 geschrieben.




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Ostwind

Was bedeutet die Bewegung Bringt der Ostwind frohe Kunde? Seiner Schwingen frische Regung Kühlt des Herzens tiefe Wunde. Kosend spielt er mit dem Staube, Jagt ihn auf in leichten Wölkchen, Treibt zur sichern Rebenlaube Der Insekten frohes Völkchen. Lindert sanft der Sonne Glühen, Kühlt auch mir die heißen Wangen, Küßt die Reben noch im Fliehen Die auf Feld und Hügel prangen. Und mich soll sein leises Flüstern Von dem Freunde lieblich grüßen, Eh noch diese Hügel düstern Sitz ich still zu seinen Füßen. Und Du magst nun weiter ziehen, Diene Frohen und Betrübten, Dort wo hohe Mauern glühen Finde ich den Vielgeliebten. Ach, die wahre Herzenskunde, Liebeshauch, erfrischtes Leben Wird mir nur aus seinem Munde, Kann mir nur sein Athem geben.




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Suleika

Hochbeglückt in deiner Liebe Schelt ich nicht Gelegenheit; Ward sie auch an dir zum Diebe, Wie mich solch ein Raub erfreut! Und wozu denn auch berauben? Gib dich mir aus freier Wahl; Gar zu gerne möchte ich glauben – Ja, ich bins, die dich bestahl. Was so willig du gegeben, Bringt dir herrlichen Gewinn; Meine Ruh, mein reiches Leben Geb ich freudig, nimm es hin! Scherze nicht! Nichts von verarmen! Macht uns nicht die Liebe reich? Halt ich dich in meinen Armen, Jedem Glück ist meines gleich.




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Das Heidelberger Schloß

Euch grüß ich, weite lichtumflossne Räume, Dich, alten reichbekränzten Fürstenbau. Euch grüß ich hohe, dichtumlaubte Bäume Und über euch des Himmels tiefes Blau. Wohin den Blick das Auge forschend wendet In diesem blütenreichen Friedensraum, Wird mir ein leiser Liebesgruß gesendet; O freud- und leidvoll schönster Lebenstraum! An der Terrasse hohem Berggeländer War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn, Die Zeichen treuer Unterpfänder, Sie sucht ich, und ich kann sie nicht erspähn. Dort jenes Baumsblatt, das aus fernem Osten Dem westöstlichen Garten anvertraut, Gibt mir geheimer Deutung Sinn zu kosten, Woran sich fromm die Liebende erbaut. Dem kühlen Brunnen, wo die klare Quelle Um grünbekränzte Marmorstufen rauscht, Entquillt nicht leiser, rascher, Well auf Welle, Als Blick um Blick, und Wort um Wort sich tauscht. O schließt euch nun, ihr müden Augenlieder! Im Dämmerlicht der fernen, schönen Zeit Umtönen mich des Freundes hohe Lieder; Zur Gegenwart wird die Vergangenheit. Durch jenen Bogen trat der kalte Norden Bedrohlich unserm friedlichen Geschick; Die rauhe Nähe kriegerischer Horden Betrog uns um den flüchtgen Augenblick. Aus Sonnenstrahlen webt ihr Abendlüfte Ein goldnes Netz um diesen Zauberort, Berauscht mich, nehmt mich hin, ihr Blumendüfte, Gebannt durch eure Macht kann ich nicht fort. Schließt euch um mich, ihr unsichtbaren Schranken; Im Zauberkreis, der magisch mich umgibt, Versenkt euch willig, Sinne und Gedanken; Hier war ich glücklich, liebend und geliebt.


Den 28. Juli 1824 (abends 7 Uhr)

Marianne Jung sieht den Garten des Heidelberger Schlosses als den Garten
des "West-östlicher Divan", der symbolisch für ihre Liebe zu Goethe steht.




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Erste Silbe

Der Erde schenk' ich tiefen Frieden, Breit' ich den weiten Mantel aus. Ein luftig Haus steht mir im Süden, Im Norden steht mein festes Haus. Ergreifend ist mein stilles Schweigen, Entzückend ist mein stilles Licht, Ein falscher Schein soll mich verscheuchen, Vertreiben kann er doch mich nicht. Oft flieht der Schlaf in meiner Nähe, Oft bring' ich Müden Trost und Ruh', Oft schärf' ich peinlich Leid und Wehe, Oft drück' ich wunde Augen zu. Mein Reich hat viele Untertanen Vom Vogel bis zum Schmetterling, Die wandeln still auf meinen Bahnen, Die ich auf Lebenszeit umfing. Heut bin ich leise weggeschlichen, Ich wiegte dich in süßen Traum, Dir wohlzutun bin ich entwichen Und lasse andern Freunden Raum.




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Zweite Silbe

Im Zimmer bin ich comfortable Und häufig nur ein einzig Blatt; Im Land der Gluten und der Nebel Ist wohl kein Haus, das mich nicht hat. Befriedigend ist meine Größe Und niedlich meine Kleinigkeit, Man deckt oft meine schöne Blöße Mit einem noch viel schönern Kleid. Oft fürcht' ich unter Last zu brechen, Oft bin ich leider völlig leer, Oft bin ich ausgewählt zum Zechen, Oft von zu vielem Gelde schwer. Mein Reich hat viele Untertanen, Mich sucht die Faulheit und der Fleiß, Die wandeln still um meine Bahnen, Die ich zu interessieren weiß. Heut wagt' ich leise herzuschleichen Und folgte still der Ersten nach. Das Ganze scheint mir zwar zu gleichen, Doch ist es freilich mir zur Schmach. Nur um in deiner Näh' zu weilen Verstand ich mich zu dem Verein. Wir wollen uns auch gleich zerteilen, Wenn wir, geteilt, dich mehr erfreu'n.




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Zu den Kleinen zähl ich mich

Zu den Kleinen zähl ich mich Liebe Kleine nennst Du mich. Willst Du immer so mich heißen, Werd ich stets mich glücklich preisen, Bleibe gern mein Leben lang Lang wie breit und breit wie lang. Als den Größten kennt man Dich, Als den Besten ehrt man Dich, Sieht man Dich, muß man Dich lieben, Wärst Du nur bei uns geblieben, Ohne Dich scheint uns die Zeit Breit wie lang und lang wie breit. Ins Gedächtnis prägt ich Dich, In dem Herzen trag ich Dich, Nun möcht ich der Gnade Gaben Auch noch gern im Stammbuch haben, Wärs auch nur den alten Sang: Lang wie breit und breit wie lang. Doch in Demut schweige ich, Des Gedichts erbarme Dich, Geh 0 Herr nicht ins Gerichte Mit dem ungereimten Wichte, Find es aus Barmherzigkeit Breit wie lang und lang wie breit.



Marianne Jung
(°Linz 1784; †Frankfurt 1860)

Goethe und Marianne Jung


J.W. Goethe - Buch Suleika



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