Matthias Claudius

Blumenlese


Der Mensch


Christiane


Abendlied


Die Sternseherin Lise


Phidile


Der Tod und das Mädchen


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Der Mensch


Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar, 
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret,   
und bringt sein Tränlein dar;  
verachtet und verehret,
hat Freude und Gefahr;
glaubt,  zweifelt,  wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret;
und quält sich immerdar;  
schläft,  wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar;
und alles dieses währet,
wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder. 
                 
      * * *

Freundschaft ist ein Knotenstock auf Reisen,
Lieb' ein Stäbchen zum Spazierengehn.


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Christiane

Es stand ein Sternlein am Himmel, Ein Sternlein guter Art; Das tät so lieblich scheinen, So lieblich und so zart! Ich wußte seine Stelle Am Himmel, wo es stand; Trat abends vor die Schwelle, Und suchte, bis ich's fand; Und blieb denn lange stehen, Hatt große Freud in mir: Das Sternlein anzusehen; Und dankte Gott dafür. Das Sternlein ist verschwunden; Ich suche hin und her Wo ich es sonst gefunden, Und find es nun nicht mehr.


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Abendlied

Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen Am Himmel hell und klar; Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget Der weiße Nebel wunderbar. Wie ist die Welt so stille, Und in der Dämm'rung Hülle So traulich und so hold, Als eine stille Kammer Wo ihr des Tages Jammer Verschlafen und vergessen sollt. Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, Und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, Die wir getrost belachen, Weil unsre Augen sie nicht sehn. Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder, Und wissen gar nicht viel; Wir spinnen Luftgespinste Und suchen viele Künste Und kommen weiter von dem Ziel. Gott, laß dein Heil uns schauen, Auf nichts Vergänglich's trauen, Nicht Eitelkeit uns freun! Laß uns einfältig werden, Und vor dir hier auf Erden Wie Kinder fromm und fröhlich sein! Wollst endlich sonder Grämen Aus dieser Welt uns nehmen Durch einen sanften Tod! Und, wenn du uns genommen, Laß uns in Himmel kommen, Du unser Herr und unser Gott! So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch. Verschon' uns, Gott mit Strafen Und laß uns ruhig schlafen Und unsern kranken Nachbarn auch!


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Die Sternseherin Lise

Ich sehe oft um Mitternacht, Wenn ich mein Werk getan Und niemand mehr im Hause wacht, Die Stern' am Himmel an. Sie gehn da, hin und her zerstreut Als Lämmer auf der Flur; In Rudeln auch, und aufgereih't Wie Perlen an der Schnur; Und funkeln alle weit und breit, Und funkeln rein und schön; Ich seh die große Herrlichkeit, Und kann mich satt nicht sehn... Dann saget, unterm Himmelszelt, Mein Herz mir in der Brust: "Es gibt was Bessers in der Welt Als all ihr Schmerz und Lust." Ich werf mich auf mein Lager hin, Und liege lange wach, Und suche es in meinem Sinn, Und sehne mich darnach.


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Phidile

Ich war erst sechzehn Sommer alt, Unschuldig und nichts weiter, Und kannte nichts als unsern Wald, Als Blumen, Gras und Kräuter. Da kam ein fremder Jüngling her; Ich hatt ihn nicht verschrieben, Und wußte nicht wohin noch her; Der kam und sprach von Lieben. Er hatte schönes langes Haar Um seinen Nacken wehen; Und einen Nacken, als das war, Hab ich noch nie gesehen. Sein Auge, himmelblau und klar! Schien freundlich was zu flehen; So blau und freundlich, als das war, Hab ich noch keins gesehen. Und sein Gesicht, wie Milch und Blut! Ich habs nie so gesehen; Auch, was er sagte, war sehr gut, Nur konnt ich nichts verstehen. Er ging mir allenthalben nach, Und drückte mir die Hände Und sagte immer O und Ach, Und küßte sie behende. Ich sah ihn einmal freundlich an Und fragte, was er meinte; Da fiel der junge schöne Mann Mir um den Hals und weinte. Das hatte niemand noch getan; Doch wars mir nicht zuwider, Und meine beiden Augen sahn In meinen Busen nieder. Ich sagt ihm nicht ein einzig Wort, Als ob ichs übel nähme, Kein einzigs, und - er flohe fort; Wenn er doch wieder käme!


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Der Tod und das Mädchen

Das Mädchen: Vorüber! Ach, vorüber! Geh, wilder Knochenmann! Ich bin noch jung, geh Lieber! Und rühre mich nicht an. Der Tod: Gib deine Hand, du schön und zart Gebild! Bin Freund, und komme nicht, zu strafen. Sei gutes Muts! ich bin nicht wild, Sollst sanft in meinen Armen schlafen!


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Matthias Claudius
(pseudonym Asmus)
[°Reinfeld (Holstein), 1740;  †Hamburg, 1815]
Deutscher Dichter und Journalist, bekannt als Lyriker.
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Lyrik:
Der Tod und das Mädchen Der Mensch („Empfangen und genähret“) Christiane Die Sternseherin Lise Die Liebe Der Tod Ein Wiegenlied bei Mondschein zu singen Täglich zu singen Kriegslied: „'s ist Krieg!“ Der Frühling. Am ersten Maimorgen An - als Ihm die - starb (Der Säemann säet den Samen) Wir pflügen und wir streuen Abendlied: Der Mond ist aufgegangen Im Winter Ein Lied hinterm Ofen zu singen
Briefe:
An meinen Sohn Johannes (1799)
Bücher:
Tändeleyen und Erzählungen (1762)
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