Rainer Maria Rilke
Rainer Maria Rilke (°Prag, 1875 †Montreux, 1926)  
war einer der bedeutendsten Lyriker 
deutscher Sprache.

Blumenlese

Die Liebende

Die Braut

Die Stille

Menschen bei Nacht

Die Aschanti

Erinnerung

Die Kurtisane

Spanische Tänzerin

Dame vor dem Spiegel

Einmal nahm ich

Liebes-Lied

Herbsttag

Zum Einschlafen zu sagen

Die Liebende

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite 
mich verlierend selbst mir aus der Hand, 
ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite, 
was zu mir kommt wie aus deiner Seite 
ernst und unbeirrt und unverwandt. 

... jene Zeiten: O wie war ich Eines, 
nichts was rief und nichts was mich verriet; 
meine Stille war wie eines Steines, 
über den der Bach sein Murmeln zieht. 

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen 
hat mich etwas langsam abgebrochen 
von dem unbewußten dunkeln Jahr. 
Etwas hat mein armes warmes Leben 
irgendeinem in die Hand gegeben, 
der nicht weiß was ich noch gestern war.

Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Die Braut

Ruf mich, Geliebter, ruf mich laut! 
Laß deine Braut nicht so lange am Fenster stehn. 
In den alten Platanenalleen 
wacht der Abend nicht mehr: 
sie sind leer. 

Und kommst du mich nicht in das nächtliche Haus 
mit deiner Stimme verschließen, 
so muß ich mich aus meinen Händen hinaus 
in die Gärten des Dunkelblaus 
ergießen... 

Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Die Stille

Hörst du Geliebte, ich hebe die Hände - 
hörst du: es rauscht... 
Welche Gebärde der Einsamen fände 
sich nicht von vielen Dingen belauscht? 
Hörst du, Geliebte, ich schließe die Lider 
und auch das ist Geräusch bis zu dir. 
Hörst du, Geliebte, ich hebe sie wieder...... 
... aber warum bist du nicht hier. 
Der Abdruck meiner kleinsten Bewegung 
bleibt in der seidenen Stille sichtbar; 
unvernichtbar drückt die geringste Erregung 
in den gespannten Vorhang der Ferne sich ein. 
Auf meinen Atemzügen heben und senken 
die Sterne sich. 
Zu meinen Lippen kommen die Düfte zur Tränke, 
und ich erkenne die Handgelenke 
entfernter Engel. 
Nur die ich denke: Dich 
seh ich nicht.

Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Menschen bei Nacht

Die Nächte sind nicht für die Menge gemacht. 
Von deinem Nachbar trennt dich die Nacht, 
und du sollst ihn nicht suchen trotzdem. 
Und machst du nachts deine Stube licht, 
um Menschen zu schauen ins Angesicht, 
so mußt du bedenken: wem. 

Die Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt, 
das von ihren Gesichtern träuft, 
und haben sie nachts sich zusammengesellt, 
so schaust du eine wankende Welt 
durcheinandergehäuft. 
Auf ihren Stirnen hat gelber Schein 
alle Gedanken verdrängt, 
in ihren Blicken flackert der Wein, 
an ihren Händen hängt 
die schwere Gebärde, mit der sie sich 
bei ihren Gesprächen verstehn; 
und dabei sagen sie: Ich und Ich 
und meinen: Irgendwen.

Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Die Aschanti

          
                          Jardin d'Acclimatation
Keine Vision von fremden Ländern, kein Gefühl von braunen Frauen, die tanzen aus den fallenden Gewändern. Keine wilde fremde Melodie. Keine Lieder, die vom Blute stammten, und kein Blut, das aus den Tiefen schrie. Keine braunen Mädchen, die sich samten breiteten in Tropenmüdigkeit; keine Augen, die wie Waffen flammten, und die Munde zum Gelächter breit. Und ein wunderliches Sich-verstehen mit der hellen Menschen Eitelkeit. Und mir war so bange hinzusehen. O wie sind die Tiere so viel treuer, die in Gittern auf und niedergehn, ohne Eintracht mit dem Treiben neuer fremder Dinge, die sie nicht verstehn; und sie brennen wie ein stilles Feuer leise aus und sinken in sich ein, teilnahmslos dem neuen Abenteuer und mit ihrem großen Blut allein.

Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Erinnerung

Und du wartest, erwartest das Eine, 
das dein Leben unendlich vermehrt; 
das Mächtige, Ungemeine, 
das Erwachen der Steine, 
Tiefen, dir zugekehrt. 
Es dämmern im Bücherständer 
die Bände in Gold und Braun; 
und du denkst an durchfahrene Länder, 
an Bilder, an die Gewänder 
wiederverlorener Fraun. 

Und da weißt du auf einmal: das war es. 
Du erhebst dich, und vor dir steht 
eines vergangenen Jahres 
Angst und Gestalt und Gebet.

Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Die Kurtisane

Venedigs Sonne wird in meinem Haar 
ein Gold bereiten: aller Alchemie 
erlauchten Ausgang. Meine Brauen, die 
den Brücken gleichen, siehst du sie 

hinführen ob der lautlosen Gefahr 
der Augen, die ein heimlicher Verkehr 
an die Kanäle schließt, so daß das Meer 
in ihnen steigt und fällt und wechselt. Wer 

mich einmal sah, beneidet meinen Hund, 
weil sich auf ihm oft in zerstreuter Pause 
die Hand, die nie an keiner Glut verkohlt, 

die unverwundbare, geschmückt, erholt -. 
Und Knaben, Hoffnungen aus altem Hause, 
gehn wie an Gift an meinem Mund zugrund.

Aus Neue Gedichte (1907)



Linecol

Spanische Tänzerin

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, 
eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten 
zuckende Zungen streckt -: beginnt im Kreis 
naher Beschauer hastig, hell und heiß 
ihr runder Tanz sich zuckend auszubreiten. 

Und plötzlich ist er Flamme, ganz und gar. 

Mit einem: Blick entzündet sie ihr Haar 
und dreht auf einmal mit gewagter Kunst 
ihr ganzes Kleid in diese Feuersbrunst, 
aus welcher sich, wie Schlangen die erschrecken, 
die nackten Arme wach und klappernd strecken. 

Und dann: als würde ihr das Feuer knapp, 
nimmt sie es ganz zusamm und wirft es ab 
sehr herrisch, mit hochmütiger Gebärde 
und schaut: da liegt es rasend auf der Erde 
und flammt noch immer und ergiebt sich nicht -. 
Doch sieghaft, sicher und mit einem süßen 
grüßenden Lächeln hebt sie ihr Gesicht 
Und stampft es aus mit kleinen festen Füßen.

Aus Neue Gedichte (1907)



Linecol

Dame vor dem Spiegel

Wie in einem Schlaftrunk Spezerein 
löst sie leise in dem flüssigklaren 
Spiegel ihr ermüdetes Gebaren; 
und sie tut ihr Lächeln ganz hinein. 

Und sie wartet, daß die Flüssigkeit 
davon steigt; dann gießt sie ihre Haare 
in den Spiegel und, die wunderbare 
Schulter hebend aus dem Abendkleid, 

trinkt sie still aus ihrem Bild. Sie trinkt, 
was ein Liebender im Taumel tränke, 
prüfend, voller Mißtraun; und sie winkt 

erst der Zofe, wenn sie auf dem Grunde 
ihres Spiegels Lichter findet, Schränke 
und das Trübe einer späten Stunde. 

Aus Der neuen Gedichte anderer Teil



Linecol

Einmal nahm ich

Einmal nahm ich zwischen meine Hände 
dein Gesicht. Der Mond fiel darauf ein. 
Unbegreiflichster der Gegenstände 
unter überfließendem Gewein. 

Wie ein williges, das still besteht, 
beinah war es wie ein Ding zu halten. 
Und doch war kein Wesen in der kalten 
Nacht, das mir unendlicher entgeht. 

O da strömen wir zu diesen Stellen, 
drängen in die kleine Oberfläche 
alle Wellen unsres Herzens, 
Lust und Schwäche, 
und wem halten wir sie schließlich hin? 

Ach dem Fremden, der uns mißverstanden, 
ach dem andern, den wir niemals fanden, 
denen Knechten, die uns banden, 
Frülingswinden, die damit entschwanden, 
und der Stille, der Verliererin. 

Aus Gedichten an die Nacht (Nachlaß)



Linecol

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß 
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie 
hinheben über dich zu andern Dingen? 
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas 
Verlorenem im Dunkel unterbringen 
an einer fremden stillen Stelle, die 
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen. 
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich, 
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich, 
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht. 
Auf welches Instrument sind wir gespannt? 
Und welcher Geiger hat uns in der Hand? 
O süßes Lied. 

Aus Neue Gedichte (1907)



Linecol

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.


Aus Das Buch der Bilder



Linecol

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen, 
bei jemandem sitzen und sein. 
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen 
und begleiten schlafaus und schlafein. 
Ich möchte der Einzige sein im Haus, 
der wüßte: die Nacht war kalt. 
Und möchte horchen herein und hinaus 
in dich, in die Welt, in den Wald. 
Die Uhren rufen sich schlagend an, 
und man sieht der Zeit auf den Grund. 
Und unten geht noch ein fremder Mann 
und stört einen fremden Hund. 
Dahinter wird Stille. Ich habe groß 
die Augen auf dich gelegt; 
und sie halten dich sanft und lassen dich los, 
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.


Aus Das Buch der Bilder

 Rainer Maria Rilke   (1875-1926)

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