Rainer Maria Rilke

Rainer Maria Rilke 
(°Prag, 1875; †Montreux, 1926)  
war einer der bedeutendsten Lyriker 
deutscher Sprache.

Orpheus. Eurydike. Hermes.


Das war der Seelen wunderliches Bergwerk. 
Wie stille Silbererze gingen sie 
als Adern durch sein Dunkel. Zwischen Wurzeln 
entsprang das Blut, das fortgeht zu den Menschen, 
und schwer wie Porphyr sah es aus im Dunkel. 
Sonst war nichts Rotes. 

Felsen waren da 
und wesenlose Wälder. Brücken über Leeres 
und jener große blinde Teich, 
der über seinem fernen Grunde hing 
wie Regenhimmel über einer Landschaft. 
Und zwischen Wiesen, sanft und voller Langmut, 
erschien des einen Weges blasser Streifen, 
wie eine lange Bleiche hingelegt. 
Und dieses einen Weges kamen sie. 

Voran der schlanke Mann im blauen Mantel, 
der stumm und ungeduldig vor sich aussah. 
Ohne zu kauen fraß sein Schritt den Weg 
in große Bissen; seine Hände hingen 
schwer und verschlossen aus dem Fall der Falten 
und wußten nicht mehr von der leichten Leier 
die in die Linke eingewachsen war 
wie Rosenranken in den Ast des Ölbaums. 
Und seine Sinne waren wie entzweit: 
indes der Blick ihm wie ein Hund vorauslief, 
umkehrte, kam und wieder weit 
und wartend an der nächsten Wendung stand, - 
blieb sein Gehör wie ein Geruch zurück. 
Manchmal erschien es ihm als reichte es 
bis an das Gehen jener beiden andern, 
die folgen sollten diesem seinen Aufstieg. 
Dann wieder wars nur seines Steigens Nachklang 
und seines Mantels Wind was hinter ihm war. 
Er aber sagte sich, sie kämen doch; 
sagte es laut und hörte sich verhallen. 
Sie kämen doch, nur wärens zwei 
die furchtbar leise gingen. Dürfte er 
sich einmal wenden (wäre das Zurückschaun 
nicht die Zersetzung dieses ganzen Werkes, 
das erst vollbracht wird), müßte er sie sehen, 
die beiden Leisen, die ihm schweigend nachgehn: 

Den Gott des Ganges und der weiten Botschaft, 
die Reisehaube über hellen Augen, 
den schlanken Stab hertragend vor dem Leibe 
und flügelschlagend an den Fußgelenken; 
und seiner linken Hand gegeben: sie. 

Die So-geliebte, daß aus einer Leier 
mehr Klagen kam als je aus Klagefrauen; 
daß eine Welt aus Klage ward, in der 
alles noch einmal war: Wald und Tal 
und Weg und Ortschaft, Feld und Fluß und Tier; 
und daß um diese Klage-Welt, ganz so 
wie um die andre Erde, eine Sonne 
und ein gestirnter stiller Himmel ging, 
ein Klage-Himmel mit entstellten Sternen - : 
Diese So-geliebte. 

Sie aber ging an jenes Gottes Hand, 
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, 
unsicher, sanft und ohne Ungeduld. 
Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung, 
und dachte nicht des Mannes, der voranging, 
und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg. 

Sie war in sich. Und ihr Gestorbensein 
erfüllte sie wie Fülle. 
Wie eine Frucht von Süßigkeit und Dunkel, 
so war sie voll von ihrem großen Tode, 
der also neu war, daß sie nichts begriff. 

Sie war in einem neuen Mädchentum 
und unberührbar; ihr Geschlecht war zu 
wie eine junge Blume gegen Abend, 
und ihre Hände waren der Vermählung 
so sehr entwöhnt, daß selbst des leichten Gottes 
unendlich leise, leitende Beührung 
sie kränkte wie zu sehr Vertraulichkeit. 

Sie war schon nicht mehr diese blonde Frau, 
die in des Dichters Liedern manchmal anklang, 
nicht mehr des breiten Bettes Duft und Eiland 
und jenes Mannes Eigentum nicht mehr. 
Sie war schon aufgelöst wie langes Haar 
und hingegeben wie gefallner Regen 
und ausgeteilt wie hundertfacher Vorrat. 

Sie war schon Wurzel. 
Und als plötzlich jäh 
der Gott sie anhielt und mit Schmerz im Ausruf 
die Worte sprach: Er hat sich umgewendet -, 
begriff sie nichts und sagte leise: Wer? 

Fern aber, dunkel vor dem klaren Ausgang, 
stand irgend jemand, dessen Angesicht 
nicht zu erkennen war. Er stand und sah, 
wie auf dem Streifen eines Wiesenpfades 
mit trauervollem Blick der Gott der Botschaft 
sich schweigend wandte, der Gestalt zu folgen, 
die schon zurückging dieses selben Weges, 
den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern, 
unsicher, sanft und ohne Ungeduld.


Erste Fassung geschrieben in Rom (1904).
Aus Neue Gedichte (1907).

Eros


Masken! Masken! Dass man Eros blende. 
Wer erträgt sein strahlendes Gesicht, 
wenn er wie die Sommersonnenwende 
frühlingliches Vorspiel unterbricht. 

Wie es unversehens im Geplauder 
anders wird und ernsthaft...Etwas schrie... 
Und er wirft den namenlosen Schauder 
wie ein Tempelinnres über sie. 

Oh verloren, plötzlich, oh verloren! 
Göttliche umarmen schnell. 
Leben wand sich, Schicksal ward geboren. 
Und im Innern weint ein Quell


Februar 1924.

 Rainer Maria Rilke  (1875-1926)






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