Joachim Ringelnatz - Gedichte

Joachim Ringelnatz

Bumerang

Die Schnupftabaksdose

Schenken

Das Mädchen mit dem Muttermal

Ich habe dich so lieb

Die Nachtigall

An M.

Liedchen

Morgenwonne

Nacht ohne Dach

Nächtlicher Heimweg

Rast auf Wanderschaft

Schlummerlied

Sehnsucht nach Berlin

Sehnsucht nach zwei Augen

Und auf einmal steht es neben dir

Unter den Linden

Zimmermädchen

An meinen Zigarettenrauch

Bumerang
War einmal ein Bumerang; War ein Weniges zu lang. Bumerang flog ein Stück, Aber kam nicht mehr zurück. Publikum – noch stundenlang - Wartete auf Bumerang.


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Die Schnupftabaksdose

Es war eine Schnupftabaksdose Die hatte Friedrich der Große Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz. Und darauf war sie natürlich stolz. Da kam ein Holzwurm gekrochen. Der hatte Nußbaum gerochen Die Dose erzählte ihm lang und breit. Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit. Sie nannte den alten Fritz generös. Da aber wurde der Holzwurm nervös Und sagte, indem er zu bohren begann “Was geht mich Friedrich der Große an!”


Aus 'Frühe Gedichte', 1912.

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Schenken
Schenke groß oder klein, aber immer gediegen. Wenn die bedachten die Gaben wiegen, sei Dein Gewissen rein. Schenke herzlich und frei. Schenke dabei, was in Dir wohnt an Meinung, Geschmack und Humor, so dass die eigene Freude zuvor Dich reichlich belohnt. Schenke mit Geist ohne List. Sei eingedenk, daß Dein Geschenk Du selber bist.


Aus 'Allerdings', 1928.

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Das Mädchen mit dem Muttermal
Chanson
Woher sie kam, wohin sie ging, Das hab' ich nie erfahren. Sie war ein namenloses Ding Von etwa achtzehn Jahren. Sie küßte selten ungestüm. Dann duftete es wie Parfüm Aus ihren keuschen Haaren. Wir spielten nur, wir scherzten nur; Wir haben nie gesündigt. Sie leistete mir jeden Schwur Und floh dann ungekündigt, Entfloh mit meiner goldnen Uhr Am selben Tag, da ich erfuhr, man habe mich entmündigt. Verschwunden war mein Siegelring Beim Spielen oder Scherzen. Sie war ein zarter Schmetterling. Ich werde nie verschmerzen, Wie vieles Goldene sie stahl, Das Mädchen mit dem Muttermal Zwei Handbreit unterm Herzen.


Erscheinungsdatum: 1928, Berlin.

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Ich habe dich so lieb
Ich habe dich so lieb! Ich würde dir ohne Bedenken eine Kachel aus meinem Ofen schenken. Ich habe dir nichts getan. Nun ist mir traurig zu Mut. An den Hängen der Eisenbahn leuchtet der Ginster so gut. Vorbei--verjährt-- doch nimmer vergessen. Ich reise. Alles, was lange währt, ist leise. Die Zeit entstellt alle Lebewesen. Ein Hund bellt. Er kann nicht lesen. Er kann nicht schreiben. Wir können nicht bleiben. Ich lache. Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb. Ich habe dich so lieb.


Erscheinungsdatum: 1928, Berlin.

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Am Sachsenplatz: Die Nachtigall
Es sang eine Nacht Eine Nachti... Ja Nachtigall am Sachsenplatz Heute morgen. – Hast du in Berlin Das je gehört? – Sie sang, so schien Es mir, für mich, für Ringelnatz. Und gab mir doch Verlegenheit, Weil sie dasselbe Jauchzen sang, Das allen Dichtern früherer Zeit Durchs Herz in ihre Verse klang. In schöne Verse! Nachtigall, Besuche bitte ab und zu Den Sachsenplatz; Dort wohne ich. – Ich weiß, daß du Nicht Verse suchst von Ringelnatz. Und hatten doch die Schwärmer recht, Die dich besangen gut und schlecht.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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An M.
Der du meine Wege mit mir gehst, Jede Laune meiner Wimper spürst, Meine Schlechtigkeiten duldest und verstehst – – Weißt du wohl, wie heiß du oft mich rührst? Wenn ich tot bin darfst du gar nicht trauern. Meine Liebe wird mich überdauern Und in fremden Kleidern dir begegnen Und dich segnen. Lebe, lache gut! Mache deine Sache gut!


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Liedchen
Die Zeit vergeht, Das Gras verwelkt, Die Milch entsteht, Die Kuhmagd melkt. Die Milch verdirbt. Die Wahrheit schweigt. Die Kuhmagd stirbt. Ein Geiger geigt.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Morgenwonne
Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften. Das Wasser lockt. Die Seife lacht. Es dürstet mich nach Lüften. Ein schmuckes Laken macht einen Knicks Und gratuliert mir zum Baden. Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs Betiteln mich "Euer Gnaden". Aus meiner tiefsten Seele zieht Mit Nasenflügelbeben Ein ungeheurer Appetit Nach Frühstück und nach Leben.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Nacht ohne Dach
Nacht ohne Dach. - Nacht mit Lichtern. - Café-Garten am Rande der Stadt, - Wo jeder Gegenstand die Seele von Dichtern Oder versöhnende Hilflosigkeit hat. Und Menschen kommen und gehen. Und es lügt ein Getu und Getön. Aber Tischtücherzipfel wehen, Und das ist schön! Und dann ist auch schön: ein Paar Verliebter Jugend. - Nacht ohne Dach... Erinnerung, rufe nicht wach, Wie schlimm eine Nacht ohne Dach Einst für mich war.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Nächtlicher Heimweg
Es wippt eine Lampe durch die Nacht. Trapp klapp - Ich will mir denken, Daß meine Mutter jetzt noch wacht Und will den Hut für sie schwenken. Wir sind nicht, wie man seien soll, Wir haben einander nur gern, Doch meine Mutter ist alt und ist fern. Und mir ist das Herz heut so voll. Da kommt eine Frau mir entgegen, Ich will was Gutes überlegen, Weil sie so arm und eckig aussieht. Aber die Frau entflieht. Ich bin ihr zu verwegen. Nun wird es still und wunderbar. Kein Laut auf der Straße Mitte. Nur drüben am andern Trottoir Gehn meine eignen Schritte.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Rast auf Wanderschaft
Der Lautsprecher sprach, doch ich hörte es nicht. Er sprach zu dumm und zu laut. - Ein Stiefmütterchen mit einem Bulldoggesicht Hat mich angeschaut. Wir saßen im Freien, gezwungen ganz frei, In dem böhmischen Orte Grün. Wir waren nicht reich, doch wir waren unsrer drei Und Freunde. - Und Freundschaft macht kühn. Das gelbe Mütterchen, braun getupft, Konnte auch ein Schmetterling sein. Ich hab's abgerupft. Unser Herz hat gehupft. Drei Freunde bei zwei Glas Wein.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Schlummerlied
Willst du auf Töpfchen? Fühlst du ein Dürstchen? Oder ein Würstchen? Senke dein Köpfchen. Draußen die Nacht, die kalte Ist düster und fremd. Deine Hände falte. Der liebe Gott küsst dein Hemd. Gute Ruhe! Ich bin da, Deine Mutter, Mama; Müde wie du. Nichts mehr sagen – Nichts fragen – Nichts wissen – Augen zu. Horch in dein Kissen: Es atmet wie du.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Sehnsucht nach Berlin
Berlin wird immer mehr Berlin. Humorgemüt ins Große. Das wär mein Wunsch: Es anzuziehn Wie eine schöne Hose. Und wär Berlin dann stets um mich Auf meinen Wanderwegen. Berlin, ich sehne mich in dich. Ach komm mir doch entgegen!


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Sehnsucht nach zwei Augen
Diese Augen haben um mich geweint. Denk ich daran, wird mir weh. Wie die mir scheinen und spiegeln, so scheint Keine Sonne, so spiegelt kein See. Und rührend dankten und jubelten sie Für das kleinste gute Wort. Diese Augen belogen mich nie. Nun bin ich weit von ihnen fort, Getrennt für Zeit voll Ungeduld. Da träumt's in mir aus Leid und Schuld: Daß sie noch einmal weinen Werden über meinen Augen, wenn ich tot bin.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Und auf einmal steht es neben dir
Und auf einmal merkst du äußerlich: Wieviel Kummer zu dir kam, Wieviel Freundschaft leise von dir wich, Alles Lachen von dir nahm. Fragst verwundert in die Tage. Doch die Tage hallen leer. Dann verkümmert Deine Klage … Du fragst niemanden mehr. Lernst es endlich, dich zu fügen, Von den Sorgen gezähmt. Willst dich selber nicht belügen Und erstickst, was dich grämt. Sinnlos, arm erscheint das Leben dir, Längst zu lang ausgedehnt. – – – Und auf einmal – : Steht es neben dir, An dich angelehnt – – Was? Das, was du so lang ersehnt.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Unter den Linden
Unter den Linden, vom Pariser Platz An, unter und neben den kleinen Linden, Kann jedes Mädchen einen Schatz Ganz leicht finden. Da wird einem so gut wie zu Hause zu Mut. - Den ganzen Tag tönt dort Autogetut. Aber alles versöhnt dort. Da schwingt im Takt einer Einigkeit Der Asphalt unter den Füßen. Und Neuzeit, gute und alte Zeit Gehn hell vorüber und grüßen. Unter den Linden Schwindet der Haß, Sieht man immer etwas Um die Ecke verschwinden.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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Zimmermädchen
Die Zimmermädchen der Hotels, Die meine Betten schlagen und dann glätten, Ach wenn sie doch ein wenig Ahnung hätten Vom Unterschiede zwischen Polster und Fels. Ach wüßtet ihr, wie süß ihr für mich ausseht Im Arbeitskleid, ihr Engel der Hotels! Wenn wirklich eine heimlich mit mir ausgeht, Dann trägt sie Seide und trägt sogar Pelz, Sei's auch nur Wunderwandlung Hasenfells. Dann im Café krümmt ihr beim Tasseheben Den kleinen, roten Finger nach Manier. Und du merkst nicht, wie gern ich doch mit dir Oft eine Stunde möchte unmanierlich leben. Und würde dann – nebst Geld – als Souvenir Ein schließend, stilles, zartes Streicheln geben. Und würdet ihr dies Streicheln doch nicht spüren. Denn ihr bedient nur Nummern an den Türen. Und wenn sie schlichte Ehre eng verschließen, Dann dienen sie, da andere genießen. Hab ich euch tausendmal in Korridoren Heiß zugesehn und heiser angesehn, Was ich erträumte, war voraus verloren. Denn meine Liebe könnt ihr nicht verstehn.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

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An meinen Zigarettenrauch
Gleite ins Weite und in die Höh! Adieu, du zartes Bleu Meines Zigarettenrauches, Der du so sanft entfliehst. Wenn du ein zierliches Nasenloch siehst, Küß dem die Haare als Gruß meines Hauches. Ob dich ein Höhendruck Zur Erde zurückschlägt, Eine Strömung, eines Windes Ruck Dich zu Himmelsglück trägt, - Finde das, was du erwartetest. In dem hold gewürzten Augenblick, Da du aus mir startetest, Spielte Ziehharmonikamusik Ein Lieblingslied von mir: La paloma Und auf Schwingen dieser Volksweise Steigst du auf. Glückliche Reise! Aus Nikotin ins ewige Aroma.


Aus der Sammlung '103 Gedichte' (1933), Berlin.

Joachim Ringelnatz
Eigentlich Hans Gustav Bötticher
(°1883, Wurzen - †1934, Berlin)


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