Thekla Lingen
Thekla Lingen - Dichterin 
Sie verkehrte in deutschen Kreisen 
der Petersburger Gesellschaft 
und starb 1931 in Eittenau im Irrenhaus

Ehe


Sie haben sich nichts zu sagen,
Sie sitzen still und stumm
Und hören die Stunden schlagen,
Die Langeweil' geht um.
 
Die Liebe ist längst gegangen,
Und auch das Glück ist hin,
Und hin ist das Verlangen
Mitsamt dem Jugendsinn.
 
Missmut sitzt ihm zur Seite,
Die Sehnsucht sitzt bei ihr,
Und traurig alle beide,
Ach, bis zu Thränen schier.
 
Keins bricht das tiefe Schweigen,
Kein Laut dringt in den Raum,
Nur schwere Seufzer steigen,
Verstohlen, hörbar kaum.
 
Und die Gewohnheit leise
Schwingt ihren Zauberstab
Und zwingt in ihre Kreise
Die beiden still hinab.

Je t'aime »Je t'aime« - in den Baum geschrieben Hat seine Hand mit keckem Scherz; Kennt er denn nicht das Wörtchen »lieben«? Doch süss erschrocken steht ihr Herz. »Je t'aime« - in das Mark gezwungen Hat er's dem Baum im tiefen Wald; »Ich liebe dich!« hat sie gesungen, Dass es im Walde wiederhallt. »Je t'aime« - kann sie doch nicht singen, Denn gar zu fremd ist ihr das Wort; »Ich liebe dich!« so wird es klingen In ihrem Herzen fort und fort. »Je t'aime« - wo ist der Freund geblieben? Das fremde Glück entwich so bald! Er kannte nicht das Wörtchen »lieben«, Und weinend geht sie durch den Wald ...

Wandlung Da ist nun einer gekommen, Mit dem ich nicht spielen kann; Er hat mir mein Lachen genommen, Ein stiller, ein schöner Mann. Wenn mich die Andern umringen Mit Scherzen und leerem Gethu, Dann folgt er mit schweren Blicken Und schweigt und lächelt dazu. Wie ferner Blitze Leuchten Trifft mich der mahnende Blick - Ich fühle mein Wesen erzittern, Als suche mich mein Geschick. Ich hör' meine Stunde nahen Und lausche mit zager Lust Hinab auf ihr süsses Drängen Tief innen in meiner Brust. Uralte Weisen erklingen, Umrauschen den bangen Sinn - Wie ist es mir nur geschehen, Dass ich nicht mein eigen bin?

Rosen Ach, gestern hat er mir Rosen gebracht, Sie haben geduftet die ganze Nacht, Für ihn geworben, der meiner denkt - Da hab' ich den Traum der Nacht ihm geschenkt. Und heute geh' ich und lächle stumm, Trag' seine Rosen mit mir herum Und warte und lausche, und geht die Thür, So zittert mein Herz: ach, käm er zu mir! Und küsse die Rosen, die er gebracht, Und gehe und suche den Traum der Nacht ...

Ich lächle ihm zu ... Ich lächle ihm zu, als wollt' ich sagen, Dass seine Liebe mir gefällt; Das giebt ihm Mut, den Schritt zu wagen, Den keiner Sitte Macht mehr hält. Er nimmt mir meine beiden Hände Und hält sie fest mit langem Kuss, Bis ich mich bebend von ihm wende Und sage, dass er gehen muss. Da leuchtet tief in seinen Blicken Der heisse Glanz, der mich erschreckt - Es wagt sein Auge auszudrücken, Was ich erschauernd längst entdeckt. Es zwingt mich dieses stumme Flehen, Ich geb' mich hin dem starken Blick Und fühl' mich langsam untergehen In wunderseligem Liebesglück.

Er lockt mit heissen Blicken ... Er lockt mit heissen Blicken Und fleht mich traurig an - Ich muss ihn von mir schicken, Weil ich nicht anders kann. Er drückt mit heissen Händen Mir meine kalte Hand; Ich kann es doch nicht wenden - Ein Reif hält mich gebannt. Er haucht mit heissem Flehen Viel Süsses mir ins Ohr, Doch nimmer darf's geschehen - Behüt mich Gott davor!

Sieh mich nicht an Sieh mich nicht an mit diesen Augen, Sie dringen mir bis an das Mark, Sieh mich nicht an mit diesen Augen, Du siehst es doch, ich bin nicht stark. Umschling mich nicht mit diesen Blicken, Sie sind viel stärker als dein Arm, Umschling mich nicht mit diesen Blicken, Sie ziehn mich an dein Herz so warm. Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen, Wie Wein so süss, so heiss, so rot, Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen, Ich küss' dich dann, und wär's mein Tod. Und wär's mein Tod, ich muss dich lieben, Was hast du mir nur angethan? Wohin hat mich dein Wunsch getrieben, Du siegreicher, du starker Mann?

Geständnis Fein bist du und jung, und die Lippen sind rot, Und du fragst mich, warum ich dich liebe? Ich that nur, was dringend Natur mir gebot, Und folgte dem köstlichen Triebe. Und kommst du geschritten, und schaust du mich an, So beb' ich vor Lust und Verlangen, Und gehst du, du junger, du kraftschöner Mann, So wein' ich vor Sehnen und Bangen. So wandl' ich in steter, sich mehrender Pein, Von Lieb' und von Reue getrieben - Dein darf ich nicht werden und bin ja schon dein Und finde so süss, dich zu lieben.

Warum? Wie jagt das Blut mir durch die Glieder In süsser Pein! Ich werf mich auf mein Lager nieder, Ich bin allein. Du stürmst dahin durch dunkle Strassen In stummer Qual - Warum hab' ich dich gehen lassen Auch dieses Mal? Warum hab ich dich nicht umschlungen Mit festem Arm, Als mich dein Blick so weh durchdrungen, So voller Harm? Denn ich bin dein, mit allen Sinnen Gehör' ich dir; Schickt' ich dich tausendmal von hinnen, Du lebst in mir!

Schrei Ich soll verzichten und entsagen Und einsam sein, Ich soll den Jammer in mir tragen Und soll nicht schrein! Soll gegen ein Gesetz nicht rasen, Das uns jetzt trennt, Beschwichtigen mit leeren Phrasen, Was in mir brennt! Und hören, wie sie's Sünde nennen Und Unmoral, Weil sie nicht unsern Himmel kennen - Die Narren all!!!

Bewilligung Du schmiegtest dich zu meinen Füssen Und sahst mir flehend ins Gesicht - Ich musste deine Stirne küssen, Die Stirne - weiter dacht ich nicht. Da schlossest du die lieben Augen Und bebtest wie in stiller Lust - Ich küsste die geschlossnen Augen, Da lag dein Kopf an meiner Brust. So nah war mir dein Mund, der feine - Ach, küsste, küsste ich ihn dann! ... Mit diesem Kuss ward ich die deine, So nahmst du mich, geliebter Mann!

Zur Dämmerstunde war's Zur Dämmerstunde war's, Zur schlimmen Zeit - Und deine Rosen dufteten im Zimmer, Ins Fenster brach der letzte Abendschimmer - Und meine Sehnsucht ging so weit. Sie suchte dich - Wie dufteten die Rosen! Und lechzend barg ich mein Gesicht hinein Und sog die süssen, süssen Düfte ein - Wie fühlt' ich deine Wünsche mich umkosen! O kämst du jetzt, Wie würde ich dich lieben! ... Ich ging und sperrte weit mein Fenster auf - O Lust! da kamst die Strasse du herauf, Von gleicher Sehnsucht zu mir hergetrieben. Und wie im Traum blieb ich am Fenster stehn Und nickte stumm - Du stürmtest in das Haus, Breitetest schweigend deine Arme aus - - Es musste sein - So ist es denn geschehn!

Notwendigkeit Wenn er mir schweigend liegt zu Füssen Und jäh nach meinen Händen greift, Und ach! mit sehnsuchtschweren Küssen Mir meine kalten Finger streift, Dann fühl ich langsam mich durchdrungen Von jener wunderstarken Kraft, Die mich in seinen Arm gezwungen Und höchste Menschenwonne schafft. Dann frag' ich nicht, ob Recht, ob Sünde - So ist es und so muss es sein! Und jubelnd, Liebster, ich dir künde: Dein bin ich, dein und immer dein!

Hilf mir! Du musst mich küssen, wie die Sonne glüht, Hoch wie das Meer muss deine Liebe rauschen, Wie Orgelbrausen durch die Kirche zieht, Wie Glockenklang so stark und hehr zu lauschen. Ich hab in dich mein ganzes Sein gesenkt, Und wie die Erde musst du Kraft mir geben, Zu tragen, was mir das Geschick verhängt, In meiner eigenen Sonne Licht zu leben. Dann findet mich der Spott der Menge nicht, Dann lass sie schmähen und mein Thun verhöhnen - Was ihres Alltags kalte Stimme spricht, Soll unserer Liebe Jauchzen übertönen.

Ohne Gott O Liebster, könnt' ich dir gehören Vor aller Welt so stolz und rein, Dürft' ich in Freiheit dir gewähren, Was ich dir geb' von meinem Sein. Was ich dir geb' an Leib und Seele, Es hat ein Anderer daran teil, Und dass ich's jenem Andern stehle, Das wird uns nimmermehr zum Heil. Ich muss der Wahrheit Tempel schänden, In dem ich stets gebetet hab', Und graben so mit eigenen Händen Mir meiner süssen Liebe Grab. Die andern Frauen können schreien Zu Gott in ihrer höchsten Not - Ich kann mir selber nur verzeihen, Ich gab mir selber mein Gebot.

Ohnmacht Du Ungeheuer, Zehrend Feuer du! Was streckst du lechzend deine Zunge aus? Hinweg - Ich will dir nicht zu Willen sein! Sieh, wie sie locken mit den heissen Blicken, Sieh, wie sie suchend ihre Finger spreizen, Mit kundiger Hand den Gürtel mir zu lösen - Und siedend steigen Wünsche in mir auf! Ich sinke hin, Ich muss in Schmach vergehn! ... O, welche Kraft hat dich mir eingegeben, Und welche Macht hat Sünde dich genannt! - Und ist's denn Sünde, Was so heiss und mächtig In meinen Adern nach Befreiung schreit - Wohlan, Natur, Dich ruf ich klagend an! Was gabst du mir den Bau der schlanken Glieder, Der Lippen Rot, des Nackens Lilienweiss, Der Augen Leuchten und des Mundes Lächeln, Ein Herz, das mit gewaltigen Schlägen pochend In junger Brust vor Lust und Wonne jauchzt - Wenn du mir nicht der Keuschheit kühles Siegel Als stumme Wehr auf meine Stirn gedrückt! ... So muss ich trauern ob der reichen Gaben, Die überfliessend Gram um mich verbreiten Gleich jenem Trank, der perlenüberschäumend Zur Lache ward auf reichbesetzter Tafel, Den nimmersatten Fliegen näschige Speise ... Du wusstest Mass zu halten nicht, Du Weise, - Und dein Geschöpf soll weiser sein als du! ... So werf ich blutend meine Waffen hin, Genug der Qual - Ich will nicht stärker sein, als du mich machtest! Nimm deinen Sieg! Schweigend knie ich nieder Und beug' mein Haupt und weine still - Ein Weib ...

Mann und Weib Du siehst den Schmerz nicht und die Thränen, Das Zucken meiner Lippen nicht, Du kannst dich frei und glücklich wähnen, Wo mir das Herz vor Jammer bricht. Du willst nicht meine Qual verstehen, Nicht sehen, wie ich müde bin, Mit dieser Last dahinzugehen, Die du erträgst mit leichtem Sinn. Du hast der Liebe Lohn bekommen, Verrät es doch dein Siegerblick! Ich hab' das Kreuz auf mich genommen Und trage blutend mein Geschick. Dir ward der Liebe Lust gegeben Und mir die Qual - denn ich bin Weib! Ich gab in Schmerzen neues Leben, Da du in Lust umschlangst den Leib.

Reue Nun muss ich liegen und weinen Die schweren Nächte lang, Nur immer das Eine denken Und seufzen tief und bang. Es ist meine Sonne gesunken, Es rauscht eine dunkle Flut, Ich bin so müde geworden, Gefallen mein hoher Mut. Ich soll dem Einen folgen Und kann nicht mit ihm gehn, - Es bleibt die zage Seele An des Hauses Schwelle stehn.

Abschied Hast mit heissem Kuss Meinen Leib umfangen, Doch der Seele bist Du vorbeigegangen. Und ich suchte wohl, Suchte Deine Seele, Dass zur Stunde sie Meiner sich vermähle. Doch du bargst sie mir Unter dichten Schleiern, Und du wolltest nicht Diese Stunde feiern. Sieh, nun ist es aus, Meine Glut verglommen, Meiner Liebe Tod Ist so schnell gekommen. Und nun muss ich gehn, Von dir gehn und weinen, Darf mich nie und nie Dir in Liebe einen. Kann dir nie und nie Meinen Leib mehr geben, - Meine Seele wird Suchend weiterschweben ...

Umsonst An deinem Herzen wollte ich ergründen Die grosse Not, das Rätsel meines Lebens, In deinen Armen jene Lösung finden, Nach der die Seele lange rang vergebens. Du hast im Sturm mich an dein Herz gerissen, Du gabst mir lust- und schmerzenreiche Stunden, Und eine neue Welt in deinen Küssen - Doch jene Lösung hab' ich nicht gefunden. Du, der den Frieden solltest mir bescheeren, Du hast mir neue Rätsel aufgegeben, - In neuen Zweifeln muss ich mich verzehren, In neuem Kampfe wälzt sich hin mein Leben...

Schatten Was war es nur? ... Ich kann nicht lachen, Auf meine Freude legt sich eine Hand, Ein Blick, den ich einmal gekannt, Hält mich zurück ... Was war es nur? ... Ein altes Lied klingt an mein Ohr, Ein Kleinod, das ich einst verlor, Es blinkt auf dunklem Grunde Und harrt und winkt ... Was war es nur? ... Es kommt aus Nacht und Schweigen, Ich sehe es aus allen Winkeln steigen Und kommt und sieht mich klagend an - Und hab' doch keinem eine Schuld gethan, Als mir allein! ... Was war es nur? ... Es geht mit müdem Schritt, Trägt schwere Last auf schwacher Schulter mit, Trägt Weibeswunsch und Weibessehnen Und Thränen ... Was war es nur? ... Es geht so scheu herum, Gespenstergleich und kommt so still und stumm Und kauert Nachts auf meinem Ehelager Und wimmert leise ... Was war es nur?

An die Männer Ich will nicht eure Hose Und will nicht euren Hut, Ich trage meine Schleppe, Sie kleidet mich auch gut. Ich will nicht eure Ämter Und will nicht eure Kraft, Nicht eure Titel und Würden Noch eure Kriegerschaft. Ich geb' euch meinen Herd nicht, Ich wirke und schaffe gern, Und geb' euch meinen Gott nicht, Erhabene Schöpfungsherrn. Auch geb' ich nicht mein Kindlein, Das ich in Schmerz gebar, Nicht all' die bangen Sorgen, Bis gross und stark es war. Doch gebt mir frei das Leben Und lasst mich's nahe sehn, Zwingt mich nicht, scheu und schämig An ihm vorbeizugehn. Und gebt mir frei zu wissen, So viel ich will und kann, Des Lernens Glück zu kosten So gut gleich wie ein Mann. Lasst mich nicht Mensch erst werden Durch euren Ehering - In seiner goldenen Fessel Sich manch ein Leben fing ...

Forderung Schwarz sollst du mich lieben, weiss bin ich jedem lieb! Russisches Sprichwort Musst du mich lieben, Wirst du mich lieben, Ward schwarz auch mein weisses Angesicht - Zur Schönheit wurde gar Mancher getrieben, Und kannte die wahre Liebe nicht. Musst du mich küssen, Wirst du mich küssen, Wenn bleich auch die Lippen, mit langem Kuss - Es mag die roten wohl Keiner missen, Die bleichen küsst nur der Liebe Muss. Bist du mein eigen, Bleibst du mein eigen, Was mir das Leben auch bringen mag - Soll deiner Liebe Sonne sich zeigen, Muss sie sich zeigen am dunklen Tag.

"Klopfet, so wird euch aufgethan!" Siehe, ich steh' vor deiner Thür, Lass mich ein! Siehe, ich bring' meine Seele dir, Sie ist dein. Sieh meine Seele in grosser Not, Lass sie ein! Lass sie nicht sterben den Hungertod, Sie ist dein. Siehe, sie bittet in heissem Flehn, Lass sie ein! Lass sie nicht bettelnd weitergehn, Sie ist dein. Gieb ihr in deinen Armen Ruh, Lass sie ein! Du bist ihr Herr und Meister, du, Sie ist dein. Lass sie nicht bettelnd weitergehn, Lass sie ein! Du wirst für sie vor dem Richter stehn, Sie ist dein!!! ...


 Thekla Lingen
(Goldingen 1866 - Eittenau 1931)





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