Runde Sache

Atomium in Brüssel wird 50

VON WERNER BALSEN

 

Aus der Nähe verschlägt das Atomium einem die Sprache. Die Vorfrühlingssonne glitzert auf der Edelstahlhaut der neun Kugeln und die Leichtigkeit der luftigen Konstruktion weckt unmittelbar Zweifel an den statistischen Angaben aus dem Archiv: 102 Meter hoch und 2400 Tonnen schwer. Kaum zu glauben.

Das Atomium in Brüssel wird 50. Dass die Attraktion der Weltausstellung 1958 jetzt Geburtstag feiern kann, war gar nicht vorgesehen. Wie fast alle Bauwerke jener ersten Expo nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde das Atomium nicht für die Ewigkeit konstruiert und sollte nach der Schau abgerissen werden. Aber die futuristische Konstruktion war - neben dem Manneken Piss in der Altstadt - schnell zu einem Wahrzeichen der sonst an Sehenswürdigkeiten nicht reichen Hauptstadt geworden. Das gigantische Eisenmolekül zog auch nach der Expo Besucher an.

Die Nachfolger jener Verantwortlichen, die es vor Jahrzehnten nicht übers Herz brachten, das Atomium zu zerstören, klopfen sich heute auf die Schulter. Denn der Star von damals strahlt derzeit heller denn je und ist in diesen Wochen Mittelpunkt einer faszinierenden Rückbesinnung der Belgier auf die Weltausstellung von 1958. Die Bevölkerung des Landes, das gerade erst einer der schwersten politischen Krisen seiner knapp 180-jährigen Geschichte entronnnen ist, blickt verzückt zurück. Auf die "schönste Expo aller Zeiten" in einer scheinbar goldenen Epoche, als die Stahl- und Eisenindustrie noch Arbeitskräfte suchte, Fernsehgeräte Einzug in die Haushalte hielten, und viele Familien für das erste Auto sparen konnten. Dieser rückwärtsgewandte Blick steht im Gegensatz zur damaligen Weltausstellung.

Deren Blick richtete sich klar nach vorne - auf das Atomzeitalter, das glänzende Perspektiven zu bieten schien. Die Expo demonstrierte bis dahin ungeahnte technologische Möglichkeiten und sie verhieß Belgien einen Aufbruch in Wirtschaft und Gesellschaft, Wissenschaft und Architektur. Und das Symbol für den Sprung in die bessere Zukunft war der Mittelpunkt der Weltausstellung auf dem Heysel-Plateau im Brüsseler Norden - das Atomium.

Aufwändige Renovierung


Einer, der die Erinnerungen der Belgier an jene Zeit des kritiklosen Fortschrittglaubens beflügelt, ist Rudolph Nevi. Der 48-jährige Grafiker war zwar noch nicht geboren, als die Welt über das Atomium staunte. Sein Schlüsselerlebnis hatte er vor rund 25 Jahren in einem Freizeitpark. Die dort fahrenden Kleinbusse, hörte er jemanden sagen, hätten schon auf dem Gelände der Weltausstellung Dienst getan. Die Aussage packte Rudolph Nevi. Seitdem forscht er in Archiven und durchstreift Flohmärkte. Er sammelt alles, was direkt oder indirekt mit der Expo '58 zu tun hat - von Eintrittskarten bis zu den Uniformen der Hostessen. Er gräbt und wühlt - und identifizierte etwa eine Fußgängerbrücke über die Autobahn bei Duisburg als Bestandteil des deutschen Pavillons. Vor rund sechs Jahren stellte er seine Sammlerstücke ins Internet, und "meine Website war lange Zeit die meistbesuchte beim Stichwort ,Expo'". Sein Bildband "Expo 58" mit Fotos seiner Sammlerstücke erscheint derzeit in der dritten Auflage und steht seit acht Wochen in den Top Ten der meistverkauften Bücher Belgiens.

Klar, dass sich Nevi auch dem Mann widmet, der als "Vater" des Atomiums gilt: André Waterkeyn. Der in London geborene belgische Ingenieur ist Anfang der 50er Jahre Direktor eines Metallkonzerns, als die Debatte über ein Symbol der geplanten Weltausstellung beginnt. Den meisten schwebt etwas vor in der Art des Eiffelturms, aber Waterkeyn hat eine originellere Vision. "Ich habe mich gefragt, was kennzeichnet unsere Epoche", erinnerte er sich vor sechs Jahren in der Zeitung Le Soir. Da die Welt vom Atomzeitalter sprach, lag es für ihn nahe an die Nuklearenergie und das Atom zu denken. "Ich kam aus der Eisenindustrie, also habe ich mir ein Eisenmolekül vorgestellt." So entstand in der Phantasie des Ingenieurs das Atomium. Ein erstes Modell, heißt es, bastelte Waterkeyn mit Stricknadeln und Gummibällen aus dem Supermarkt.

18 Monate dauerte der Bau des Monuments. Die ursprünglich auf umgerechnet 4,2 Millionen Euro bezifferten Baukosten wurden um mehr als das Dreifache überschritten. Das lag nicht zuletzt an den glänzenden Aluminiumplatten, mit denen die Kugeln verschalt sind. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der Konstruktion: Tagsüber spiegeln sich in ihnen Licht und Teile des Expogeländes, nachts steigert die Aluminiumhaut die Wirkung der die Kugeln umgebenden Lichterketten.

"Auch wenn die Brüsseler das Atomium heute lieben", sagt Expo-Archäologe Nevi, "das war längst nicht immer so. Lange galt das Bauwerk als schäbig." Die Stadtoberen hatten zwar beschlossen, die neue Attraktion im Norden nicht abzureißen, aber sie investierten nicht genug, um sie in Schuss zu halten. So bildeten sich in der Aluminiumhaut Löcher, es regnete durch. Die mit der Zeit milchigen Fenster der Panoramakugel verstellten den Blick über Brüssel. Erst vor drei Jahren begann die Renovierung, die mehr als 27 Millionen Euro verschlang. Die Aluminiumhaut wurde gegen eine aus rostfreiem Edelstahl ausgetauscht - und seit zwei Jahren strahlt die "Ikone des Optimismus", wie die New York Times schrieb, wie vor einem halben Jahrhundert.

"Es ist ein Stück Belgien geworden", sagt Nevi, "aber im Innern der Kugeln", klagt er, "da ist die Atmosphäre der 50er Jahre komplett verloren gegangen".

Das Geheimnis des Glanzes